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Selbstverständlichkeitslüge : Die Illusionsblase platzt

  • -Aktualisiert am

Seifenblasen als Symbol der vergänglichen Schönheit Bild: Picture-Alliance

Demokratie, offene Grenzen, Teilhabe am Wohlstand, eine intakte Umwelt: Vieles von dem, was wir noch vor kurzem für selbstverständlich gehalten haben, ist es schon längst nicht mehr. Was tun?

          6 Min.

          Das Zeitintervall, das man in die Vergangenheit zurückgehen muss, bis sich die Gegenwart wie ein Science-Fiction anfühlt, wird mit t(sf) bezeichnet. In den vergangenen Jahren ist es kleiner geworden. Könnte man einen Videoclip, der Donald Trump dabei zeigt, wie er über den Hintern von Hillary Clinton lästert oder wie er erklärt, er werde die Wahl nur bei einem Sieg anerkennen, einem Erdbewohner des Jahres 2012 vorführen, würde dieser das mit Sicherheit als Science-Fiction einstufen. Als besonders brutale Variante von „Zurück in die Zukunft“ vielleicht, dessen Schurke Biff schon in den achtziger Jahren nach Trump modelliert worden ist.

          Ich habe ein sehr persönliches Gefühl für t(sf), weil ich zusammen mit dem Politikjournalisten Andreas Rinke genau in diesem Jahr 2012 eine Zukunftsstudie publiziert habe: „11 drohende Kriege“ hieß das Buch. Es enthielt bewusst keine Jahreszahlen, denn wir wollten uns nicht am allgemeinen Vorhersagegeschäft beteiligen, sondern mit Hilfe von Szenarien auf unterschätzte Risiken hinweisen. Konflikte, die durch den Klimawandel drohen, durch demographische Umbrüche in den Vereinigten Staaten, durch neue gentechnische Verfahren, durch die Expansion Chinas. Eines unserer Szenarien behandelt den Bau einer europäischen Mauer, ausgelöst durch Klimaflüchtlinge. Ein anderes die sukzessive Erweiterung der chinesischen Machtsphäre in den Meeren in Richtung Australien. Ein drittes Szenario geht um den inneren Zerfall der Vereinigten Staaten. Noch eines um einen Cyberkrieg, bei dem sich IT-Konzerne als die wahren Mächtigen entpuppen.

          Brexit, Polizisten und nationalistische Bewegungen

          Damals wirkte das alles exotisch-bedrohlich. Heute kommen uns die Themen sehr vertraut vor. Sie sind teils um ein Vielfaches schneller eingetroffen, als wir es für möglich gehalten haben. t(sf)=4 Jahre, was die von uns beschriebenen Konfliktrisiken anbelangt. Was Trump betrifft, hat sich t(sf) während seiner Zeit als Präsidentschaftskandidat fortwährend verkürzt. Wie oft hieß es, jetzt sei ein Tiefpunkt der politischen (Un-)Kultur erreicht. Die Sex-Videos? Der Mann ist erledigt! Nichts da - er liegt in den Umfragen fast gleichauf mit Hillary Clinton. t(sf) ist nicht nur ein Zeitmaß, sondern auch ein Symbol - nämlich dafür, wie sich vor unseren Augen Selbstverständlichkeiten auflösen, mit denen zwei, drei Generationen groß geworden sind.

          Wer heute jung ist, hat erlebt, wie seine Eltern auf dem Weg in den Urlaub an den alten Grenzen amüsiert erzählten, dass es hier früher einmal Schlagbäume, Polizisten oder gar Soldaten gegeben hat. „Es war einmal“, sagten die Eltern, wie im Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Die EU? Eine ganz selbstverständliche Sache. Und ach, das da in Brüssel sind alles Deppen, die Omas Gurken geradebiegen wollen. Und jetzt: passiert das angeblich Unmögliche. Brexit, Polizisten und Soldaten an innereuropäischen Grenzen, nationalistische Bewegungen breiten sich aus, denen der Austausch von Menschen und Gedanken zuwider ist. Während das liberale Europa sich über Donald Trumps Pläne für eine Mauer gen Mexiko mokiert, entsteht im Süden die europäische Mauer. Die EU selbst ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

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