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Selbstkritik eines Faches : Psychiatrie ist heilbar

Wie gerät der Mensch in die psychische Krise? Bild: dpa

Trägt Psychiatrie mehr zur Chronifizierung der Leiden bei als zur Therapie? Wo Symptomfreiheit als unbedingtes Behandlungsziel gilt, bleiben die krank machenden sozialen Zusammenhänge oft unterbelichtet.

          3 Min.

          Was wäre die Psychiatrie ohne die Antipsychiatrie? Wo sie antipsychiatrische Impulse produktiv aufnimmt, korrigiert die Psychiatrie eine gegenwärtig wieder zunehmende Tendenz, auf Symptomfreiheit als bedingungsloses Behandlungsziel zu setzen, oft unter Empfehlung von Psychopharmaka. Natürlich verdient nicht jedes Ressentiment gegen klinische Standards Aufmerksamkeit. Wohl aber eine begründete Antipsychiatrie im Foucault’schen Sinne, die sich nicht nur auf Missstände in psychiatrischen Einrichtungen bezieht, sondern auch psychiatrische Klassifizierungen als solche skeptisch befragt.

          Eine derart antipsychiatrisch geprägte Psychiatrie behält bei der Bestimmung von Gesundheit und Krankheit die sozialen Zusammenhänge im Auge. Lassen sich Verrücktheit und psychische Normalität doch immer auch als von gesellschaftlichen Vorgaben beeinflusste Konzepte begreifen. Sie sind Ergebnis von Übereinkünften, in welche Interessen eingehen, und nur in diesem Sinne objektiv. Auch die angeblich evidenzbasierten Befunde erscheinen bei reflektierter Betrachtung als vorläufige Mosaiksteinchen für ein Bild des unbekannt bleibenden Menschen.

          Übertreiben und ausblenden

          Das meinen der klinische Psychologe Thomas Bock und der Psychiater Andreas Heinz, wenn sie in ihrem Buch „Psychosen. Ringen um Selbstverständlichkeit“ (Psychiatrie Verlag, 2016) schreiben, eine anthropologische Psychiatrie sei von Helmuth Plessners Konzept des Homo absconditus, des verborgenen Menschen, geprägt, „der letztlichen Unergründlichkeit des menschlichen Wesens, die anstelle des Durchsetzens eines bestimmten Menschenbildes Diversität und Toleranz erfordert“. Auch die Seelenheilkunde sieht freilich von der Verflochtenheit ihrer Teile mit einem „Ganzen“ ab, sofern sie im Unergründlichen überhaupt etwas Ergründliches setzen möchte. Bis zu einem gewissen Grad hat diese praktische Abstraktion etwas Unvermeidliches – da fachliche Standards auf die Übertreibung ihrer Sehepunkte und das Ausblenden der nicht standardisierten Aspekte angewiesen bleiben.

          Unvermeidlich ist ein Reduktionismus, dessen menschliche Proportion (oder Disproportion) sich die in der Psychiatrie Tätigen aber doch mehr oder weniger deutlich bewusst machen können. So möchte man es denn auch als ein Zeichen der fachlichen Selbstbescheidung (und gerade nicht der Selbstüberhebung) sehen, wenn man von den Medizinhistorikern Bernhard D. Haage und Wolfgang Wegner erfährt, dass Johann Christian Reil, der Erfinder des Psychiatrie-Begriffs, darunter schon im Jahre 1808 die „therapeutische Funktionalisierung seelischer Wirkungen“ verstanden habe. Liegt in diesem Wirkungsaspekt nicht von vornherein die Beschränkung des Seelischen aufs Handhabbare (von der Verhaltenstherapie bis zur Medikation) beschlossen zu Lasten einer reinen, ohnehin nicht zu Gebote stehenden Seelenschau?

          Täuschung und Selbsttäuschung

          Der klinische Zugang zur menschlichen Seele hat, so gesehen, etwas von einem Dilemma, das zu keinem Pol, weder dem psychiatrischen noch dem antipsychiatrischen, einfach auflösbar ist. Erst vor solcher Folie liest man auch die kritischen Zuspitzungen mit Gewinn, die der Psychiater Stefan Weinmann formuliert, wenn er die Arbeit seiner Zunft als Wechselspiel von Täuschung (der Patienten) und Selbsttäuschung (des Fachpersonals) beschreibt. Die therapeutische Funktionalisierung seelischer Wirkungen trage inzwischen mehr zur Chronifizierung als zur Therapie bei, heißt es in Weinmanns antipsychiatrischem Manifest „Die Vermessung der Psychiatrie“, das im vergangenen Jahr im Psychiatrie Verlag erschienen ist (224 S., br., 25,– ). Die Psychiatrie sei von den Fachgesellschaften auf den Selbstschutz ihres Personals ausgerichtet worden. „Das Problem ist, dass viele Psychiater aus Angst, etwas falsch zu machen, aus Angst davor, dass Behandelte sich umbringen oder aggressiv werden, eine Psychiatrie betreiben, die stark auf Medikamentengaben und Verhaltensbeobachtungen und -modifikation beruht.“ Weinmann fordert „neue Lehrbücher psychologischer Medizin (anstatt Psychiatrie)“. Diese Bücher müssten die „Mythen“ der Forschung „aufgeben“ und „vom Menschen mit einer psychischen Krise ausgehen – nicht von der objektiv gesetzten Diagnose einer gegebenen Krankheitsidentität“.

          Wer soll aber diese neue Fachliteratur verfassen? Dichter und Denker, sofern ihnen nichts Menschliches fremd ist? Tatsächlich bringt Weinmann einen Kanon psychologischer Romane von Dostojewski bis Hesse ins Spiel, literarische Mythenträger, die ihm als propädeutisches Studienmaterial einer mythenfreien Psychiatrie-Ausbildung vorschweben. Bei den Romanciers erfahre man zuverlässiger als in psychiatrischen Lehrbüchern, warum Menschen in psychische Krisen stürzen. Im Namen des Seelenheils: Wurde je poetischer für die Antipsychiatrie geworben?

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