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Selbstbild der Senioren : Generation Edelstahl

Von wegen „altes Eisen“: Der neue Lebensstil der Fünfundsechzig- bis Fünfundachtzigjährigen verjüngt auch die Gesellschaft - zumindest mental Bild: dapd

Alter heißt: einsam, hilfsbedürftig und eine Gefahr für den Wohlfahrtsstaat zu sein? Eine neue Studie räumt mit diesen Vorurteilen auf und kommt zu überraschenden Befunden.

          Wer die fünfundsechzig überschritten hat, verliert in der öffentlichen Wahrnehmung, vor allem in politischen Debatten und medialer Darstellung, seine Persönlichkeit. Selbst in kleinen Meldungen über tödliche Verkehrsunfälle, die bei jüngeren Opfern immerhin noch mitteilen, dass eine Familie hinterlassen wurde, wird dann nur von einem „Rentner“ berichtet, ein hilfloser Einzelner eben, den es erwischt hat. Das Fernsehen scheint für die Illustrierung dieses Themas nur ein einziges Foto zu haben: einsame Alte auf der Parkbank. Und wenn es mal anders guckt, dann gleich extrem: „Oma will nach Thailand“ heißt eine neuere Produktion, die glauben machen will, dass Alte nur noch wegwollen, weil es zu Hause so schrecklich teuer und einsam ist.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Zukunftsfonds der Generali Versicherung und das Institut für Demoskopie Allensbach haben jetzt eine repräsentative Studie vorgelegt, die zum ersten Mal genauer hinschaut. Die Fragen an mehr als 4000 Personen betrafen das Lebensgefühl und das Selbstbild der heute Fünfundsechzig- bis Fünfundachtzigjährigen, ihr Verhältnis zu Jüngeren, Kindern, Enkeln, zur Arbeit und zur Gesellschaft. Die Befunde sind insofern überraschend, weil sie gründlich mit Stereotypen aufräumen und zudem das Bild einer historisch einzigartigen, aktiven Generation zeichnen. Geboren in schlimmen bis harten Zeiten, eint sie ein mehrheitlich optimistisches Lebensgefühl, wozu Krankheit und Verlusterfahrungen durchaus gehören. Doch insgesamt ist diese Generation nicht nur gesünder als behauptet und politisch sogar interessierter als Jüngere, sondern auch großzügiger, gebildeter und weniger einsam. Nur vier Prozent der Befragten gaben zum Beispiel an, sich „häufig einsam“ zu fühlen.

          Widerlegtes Schreckensbild

          Fast die Hälfte engagiert sich intensiv zivilgesellschaftlich, sozial und für die Kultur - und würde gern mehr tun, wäre diese Gesellschaft nur mehr an diesem Engagement interessiert. Fast alle fühlen sich, unabhängig vom tatsächlichen Alter, um etwa zehn Jahre jünger und leben auch so; sie sind modebewusster als Generationen vor ihnen und mobiler, und viele finden Kreuzfahrten ziemlich langweilig. Jeder zweite gibt an, nur ungern auf das Arbeiten verzichtet zu haben, viele empfinden ihren durch starre Tarifverträge erzwungenen Ruhestand als deprimierend zu früh. Angesichts von Fachkräftemangel eigentlich eine groteske Situation, die unternehmerische Phantasie und die Politik herausfordern müsste. Jene, die länger arbeiten dürfen, tun dies nur selten in Vollzeit und sind froh, dass der normale Stress sie nicht mehr belastet. Zumeist bessern sie ihre Rente auf, viele gaben aber auch an, dass es guttue, etwas Sinnvolles zu tun.

          Auch das Schreckensbild der Alten, die die Reserven der Jungen aufbrauchen, hat die Generali-Altersstudie gründlich widerlegt. Die beschriebene Generation ist familienaffin, fast alle haben noch Kinder, sehen diese häufig und wollen also eher nicht nach Thailand. Sie unterstützen ihre Kinder und Enkel mit viel Zeit, vor allem bei der Organisation des Alltags: Monatlich investiert jeder Ältere im Durchschnitt fünfzehn Hilfestunden, das macht übers Jahr 2,4 Milliarden Stunden (was etwa 1,4 Millionen Vollzeitstellen entspräche). Die regelmäßigen Geldtransfers der Älteren für die Familien ihrer Kinder belaufen sich auf 9,7 Milliarden Euro im Jahr, hinzu kommen noch erhebliche Erbschaften und einmalige Hilfen in Notsituationen.

          Fast eine Revolution

          Natürlich verlassen sich die meisten auf die Solidarität ihrer Kinder, wenn es ihnen schlechtgeht, doch diese Generation hat auch mehrheitlich große Freundeskreise, und mehr als die Hälfte gab an, auch jemanden außerhalb der Familie zu haben, der Hilfe anbietet, wenn es nötig ist. Autonomie bis ins hohe Alter ist einer der höchsten Werte, den viele aus dieser Generation auch zu verteidigen bereit sind. Sie kann und will ihr Leben selbst organisieren und erwartet allerdings von Kommunen und Regierung, dass sie selbstverständlich für ausreichend und gut ausgebildete Pflegekräfte sorgt.

          Das Bild vom alten Eisen, das rostet, bedarf also einer energischen Korrektur. Eine strukturell alternde Gesellschaft hat sich durch Lebensumstände und Lebensart der Fünfundsechzig- bis Fünfundachtzigjährigen mental enorm verjüngt - man spräche darum vielleicht besser von Edelstahl. Wenn es gelänge, die falschen, überkommenen Bilder vom Leben im Alter zu korrigieren und das brachliegende Potential dieser Generation für die Zivilgesellschaft endlich zu nutzen, wären auch Probleme des demographischen Wandels leichter zu lösen. Es wäre fast eine Revolution, denn das würde etablierte Rollenbilder so radikal verändern, wie es vor Jahrzehnten im Kampf um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht worden ist.

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