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Gina Thomas (G.T.)

Fragwürdiger Fachaufsatz : Der eigene Körper als Forschungsobjekt

  • -Aktualisiert am

Der japanische Manga-Markt ist bunt und unübersichtlich. Bild: picture alliance / imageBROKER

Ein schwedischer Doktorand hat einen Fachaufsatz über Selbstbefriedigung zu japanischen „Shota“-Comics veröffentlicht. In den Heften sind Zeichnungen minderjähriger Jungen zu sehen.

          2 Min.

          Die britische Fachzeitschrift „Qualitative Research“ veröffentlicht nach eigenem Bekunden Beiträge mit „einem klaren methodologischen Fokus“. Akademiker werden ersucht, Forschungen einzusenden, die multidisziplinäre Kreise ansprechen, qualitative Methoden diskutieren und die Möglichkeiten etablierter Arten der Forschung ausreizen. Damit ist Sozialforschung gemeint, die im Unterschied zu quantitativen Datenerhebungen die subjektive Wahrnehmung bestimmter Phänomene in den Mittelpunkt stellt.

          Im Falle eines im April veröffentlichten Beitrages lag der methodologische Fokus in der Selbstbefriedigung des Verfassers Karl Andersson bei der Betrachtung von „Shota“, japanischen Comics mit suggestiven Zeichnungen minderjähriger Jungen. Der Aufsatz mit dem Titel „Ich bin nicht allein – wir sind alle allein: Masturbation als ethnographische Methode in der Forschung über die Shota-Subkultur in Japan“ gleicht eher einem Erfahrungsbericht als einer wissenschaftlichen Abhandlung. Andersson, schwedischer Doktorand an der Universität Manchester, schildert, wie ihm klar geworden sei, dass „mein Körper mit einem eigenen Forschungsmittel ausgestattet ist, das mir buchstäblich ermöglicht, ein Verständnis von Shota aus erster Hand zu vermitteln“.

          Der Aufsatz ist das Ergebnis seiner dreimonatigen „Feldforschung“, bei der er genau festhielt, welches Material er wann, wo und wie verwendet hat und was er dabei gedacht und gefühlt hat. Sein Fazit: Er habe aus diesem Experiment gelernt, dem Masturbationsakt besonders bei Comics größere Bedeutung beizumessen. Was weder Andersson, der in Schweden eine Zeitschrift herausgab, die Heranwachsende wieder „als eines der Ideale der Schwulen-Kultur“ wahrgenommen sehen wollte, noch die den Beitrag zur Veröffentlichung freigebenden Kollegen bemerken wollten, ist die Fragwürdigkeit eines Experiments mit Zeichnungen von pubertären und vorpubertären Knaben. Niemand schien sich daran zu stören, bis ein konservativer Abgeordneter jetzt einen Twitter-Sturm mit der Frage auslöste, weshalb Steuerzahler einen solchen Bericht finanzieren müssten.

          Ohne Andersson gelesen zu haben oder zu wissen, dass dieser Shota für eine Form des künstlerischen Ausdrucks hält, die von der Gesellschaft auf dieselbe Weise abgelehnt werde wie die „entartete Kunst“ unter Hitler, sprangen ihm zahlreiche Akademiker reflexartig zur Seite, weil der Abgeordnete seine Frage mit der von Konservativen manchmal vorgebrachten Kritik verband, dass Hochschulen auf dem geisteswissenschaftlichen Feld zu viel produzierten, was nicht gesellschaftlich nützlich sei.

          Inzwischen haben „Qualitative Research“ und die Universität Untersuchungen angekündigt. Dieser Tage haben Studenten gegen die vermeintlich phallischen Züge einer Statue Antony Gormleys protestiert und Hochschulen wieder viele Trigger-Warnungen zum Schutz der „Schneeflocken“, also besonders empfindlicher Menschen, ausgegeben. Selten ist die Verwirrung der Maßstäbe im Hochschulbetrieb so deutlich geworden wie durch den Fall Andersson.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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