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Zwanzig Jahre Wikipedia : Sekundenzeiger des Weltwissens

  • -Aktualisiert am

Die Frage, wie Künstler auf die Digitalisierung reagieren, hat Michael Mandiberg 2015 mit der Arbeit „Print Wikipedia“ beantwortet. Bild: Picture-Alliance

Die Wikipedia feiert ihren zwanzigsten Geburtstag. Aber nicht alle bejubeln das Internetlexikon. Manche sprechen auch von einer „toxischen Diskussionskultur“.

          5 Min.

          Wie lang ist der Rhein? Wer eine Enzyklopädie besitzt, nehme sie zur Hand und schlage einmal nach. Ist sie zwischen 1960 und 2010 erschienen, wird darin vermerkt sein, der Fluss erstrecke sich über 1320 Kilometer Länge. Diese Zahl findet sich auch in Veröffentlichungen von Bundesbehörden. Eine andere Auskunft erteilen ältere Schriften: 1230 Kilometer. Kann das sein? Die großen Eingriffe in den Verlauf des Stroms waren schließlich schon im neunzehnten Jahrhundert beendet. Tatsächlich handelt es sich um einen Zahlendreher, der dem Biologen Bruno Kremer vor elf Jahren aufgefallen war. Der Fehler tauchte im Brockhaus genauso wie in der Wikipedia auf, man schreibt nämlich gerne voneinander ab. Auf Papier lässt er sich nicht tilgen, online hingegen wurde er am 30. Januar 2010 um 13.07 Uhr von einem ehemaligen Binnenschiffer korrigiert.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Im Vorfeld der Änderung haben Wikipedianer – so nennen sich aktive Mitarbeiter des Internetlexikons – mit Skepsis auf Kremers Fund reagiert. Sie diskutierten den Fall und warteten, bis genügend Quellen vorlagen, die keinen Zweifel mehr daran ließen, dass die Information falsch war. Insofern hielten sie es wie Wissenschaftler, zu deren Sorgfaltspflichten es gehört, den Gehalt einer vermeintlichen Erkenntnis zu prüfen und fremde Einsichten nachzuweisen. Allerdings betreibt Wikipedia keine Forschung. Sie nimmt lediglich Bezug auf jene Dinge, die schon untersucht wurden. Entscheidend ist die Güte der journalistischen und wissenschaftlichen Belege. „Wikipedia ist gewissermaßen Tertiärliteratur“, sagt Pavel Richter, „sie stellt stets das dar, was Konsens ist. Wo es diesen Konsens noch nicht gibt, stellt sie die unterschiedlichen Sichtweisen dar.“ Richter, Jahrgang 1969, hat im November das Buch „Die Wikipedia-Story“ veröffentlicht. Von 2004 an war er als Wikipedianer tätig, von 2009 bis 2015 arbeitete er hauptamtlich für Wikimedia Deutschland, der hiesigen Länderorganisation der Enzyklopädie.

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