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Rumänische Opposition : Kein Entkommen aus dem Netz der Verschwörungen

  • -Aktualisiert am

Die Gegenwart in Rumänien: Tausende Menschen protestieren in Bukarest gegen die Regierung. Bild: dpa

Die Oppositionsbewegung in Rumänien weitet sich aus: Während auf der Straße demonstriert wird, nimmt die kritische Presse ehemalige Securitate-Kader ins Visier. Doch die Vergangenheit ist noch immer nicht vorbei.

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          Rumäniens Oppositionspresse nimmt neben korrupten Machenschaften regierender Politiker die publizistischen Aktivitäten ehemaliger kommunistischer Geheimdienstkader ins Visier. Die Zeitung „Romania libera“ brachte jüngst eine Enthüllungsgeschichte mit dem Titel „Pensionäre des ceauşistischen Terrors - Die Wiederauferstehung des letzten Securitate-Chefs Iulian Vlad“. Dem heute Fünfundachtzigjährigen wurde schon kurz nach der blutigen rumänischen Revolution Ende Dezember 1989 der Prozess gemacht. Doch von den 25 Jahren Haft, zu denen Vlad verurteilt wurde, saß er nur vier ab. Unter Staatspräsident Ion Iliescu wurde er 1993 vorzeitig entlassen. Danach mied Vlad über mehr als zwei Jahrzehnte die Öffentlichkeit und schwieg.

          Das hat sich jetzt geändert. Seit einigen Monaten begleitet der zum mitteilungsfreudigen Securitate-Apologeten mutierte Vlad als Koreferent seinen ehemaligen Stabsleiter Aurel I. Rogojan auf dessen stets gut besuchten Vorträgen im Land. Der 68 Jahre alte Ex-General Rogojan, der von der nicht gerade strengen postkommunistischen Justiz unbehelligt blieb, hat seit 2007 mehrere Bücher publiziert. Mit Titeln wie „Die ungarische Spionage in Rumänien“ oder „Fenster in die Geheimdienste - Rumänien als Spielball globaler Machtstrategien“ hat Rogojan sich nicht nur den Ruf eines Geheimdienstexperten erworben. Er wird auch als politischer Analyst geschätzt, freilich nur in Kreisen, die für Verschwörungstheorien empfänglich sind. Rogojans jüngstes Buch „Der interne Faktor - Rumänien im Sog der Verschwörungen“ ist seine zweite Publikation im an sich gut angesehenen Bukarester Verlag Compania, der von dem Dichter Petru Romoşan und seiner Ehefrau, der Prosaautorin Adina Keneres, geleitet wird.

          Denunziationen ohne jede Beweise

          Aurel Rogojans Buch enthält Betrachtungen zur rumänischen Geschichte wie zu aktuellen Ereignissen der Jahre 2014 und 2015. Es reflektiert politische Turbulenzen und geheimdienstliche Aspekte, wobei sich der Verfasser von der Überzeugung leiten lässt, Rumänien wäre seit Jahrzehnten ein Opfer internationaler Konspiration. Arbeitet man sich durch die Masse von Namen und historischen wie tagespolitischen Details, die mehr als fünfhundert Buchseiten füllen, erscheint die Liste der „Verschwörer“ fast endlos. Beispielsweise wird suggeriert, der ehemalige Ministerpräsident Victor Ponta sei ein korrupter Freund ungarischer Rechtsextremisten, oder dass Ungarn seine „Tentakel“ längst nach Rumänien ausgestreckt habe. Diese reichten angeblich bis in den „Nationalen Rat für das Studium der Archive der Securitate“ (CNSAS), was ungeachtet namentlicher Nennungen etlicher „verdächtiger“ Personen nicht belegt wird. Bei der Entlarvung des CNSAS als angebliches Spionennest taucht auch der Name des Dichters und einstigen Dissidenten Mircea Dinescu auf, der zeitweilig dem Leitungsgremium des CNSAS angehört hatte. Rogojan vermittelt, wieder ohne Beleg, den Eindruck, dass Dinescu hinter einer medialen Kampagne stand, mit der man Petru Romoşan - Rogojans Verleger - als Securitate-IM diffamierte.

          Dinescu selbst erscheint in dem Buch als Mann mit „Janusgesicht“ und wird auf übelste Weise denunziert. Wie Rogojan aus „zuverlässiger Quelle“ erfahren haben will, habe der Onkel des Lyrikers, ein kommunistischer Parteikader, dem jungen Dinescu auf Wunsch von dessen Mutter den Militärdienst ersparen wollen und dafür gesorgt, dass er zur Securitate kam. Aber selbst das sei dem angehenden Dichter zu anstrengend gewesen, weshalb der Parteifunktionär seinen Neffen dann als Verpflegungsoffizier eines Militär-Fußballclubs untergebracht habe. Dinescus Aufstieg zum prominenten Dichter, Literaturredakteur, ranghohen Mitglied des Schriftstellerverbands und Journalisten schildert der frühere Securitate-General, der zu jener Zeit dem Regime selbst treu zu Diensten stand, als Ergebnis der Machenschaften seiner kommunistischen Parteifreunde.

          Nur ein Sündenbock?

          Rogojan fährt dann gegen Dinescu auch noch das gleiche Geschütz auf, das schon 1988 der Securitate als Begründung für dessen Hausarrest diente: die Unterstellung, er wäre KGB-Agent. Das kommt heute offensichtlich all jenen gelegen, die den rumänischen Kommunismus gänzlich als Produkt sowjetischer Intervention sehen und mit der demokratischen Entwicklung nach 1989, zu deren Symbolfiguren Dinescu zählt, wenig anfangen können. Solch einem Publikum sind die „Recherchen“ eines Geheimdienst-Insiders, der als rumänischer Patriot posiert, hochwillkommen.

          Die Vergangenheit: Menschen protestieren 1989 in Bukarest gegen die kommunistische Regierung.

          Als solchen charakterisiert der Geheimdienstoffizier auch seinen ehemaligen Chef und heutigen Kompagnon Iulian Vlad. In einem im Buch enthaltenen Gespräch der beiden über den einstigen Staatschef Ion Iliescu wird dieser als Lügner hingestellt, der nach seinem Amtsantritt 1989 die langjährige Bekanntschaft mit Vlad geleugnet habe - dass eine solche bestand, wird freilich nur von dem Interviewten behauptet. Als Sündenbock, so Vlad, sei er, der Unschuldige, vor Gericht und dann im Zuchthaus gelandet.

          Noch immer keine Entschuldigung

          Freilich wurde Vlad auch wegen seiner Mitverantwortung für die brutale Zerschlagung antikommunistischer Demonstrationen in Temeswar verurteilt - eine solche bestreitet er indes bis heute. Vlad hatte keine Hemmungen, zusammen mit seinem Securitate-Freund neulich in dieser Stadt aufzutreten. Die Veranstaltung fand in einem Saal der rumänischen Akademie der Wissenschaften statt. Der Koreferent Vlad musste nach der Lesung erzürnten Zuhörern erklären, warum er 1989 das kommunistische Regime stützte und was er damals konkret zum Schutz der Demonstranten in Temeswar unternommen habe.

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          Vlad verschanzt sich hinter der Behauptung, er habe nicht dem Regime, sondern dem rumänischen Volk gedient, wobei er sich auf eine auch damals bei den Sicherheitsorganen übliche Vereidigungsformel beruft. Er habe nicht nur den Befehl des Diktators, auf die Protestierenden zu schießen, verweigert, sondern auch allen Mitgliedern der Staatssicherheit in Temeswar verboten, von der Waffe Gebrauch zu machen. Seine Leute seien es nicht gewesen, die das Feuer eröffnet hätten, versichert Vlad. Der frühere Securitate-Chef sieht keinen Grund, etwas zu bereuen oder sich beim rumänischen Volk zu entschuldigen.

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