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Sechstagekrieg : Wehe den Siegern

  • -Aktualisiert am

So sehen Sieger aus: Zwei israelische Soldaten führen einen Ägypter ab. Wie sich die Sieger wirklich fühlten, erzählt „Censored Voices“. Bild: Israel Film Service

Mit so viel Unglück lässt sich kein starker Staat machen: Mor Loushys Dokumentarfilm „Censored Voices“ erinnert an den israelischen Sechstagekrieg von 1967.

          Der Sieg Israels im Sechstagekrieg legte 1967 die Grundlagen für eine Situation, die bis heute im Wesentlichen gleich geblieben ist: Der bis zu diesem Zeitpunkt als gefährdet geltende Staat verschaffte sich Sicherheit und wurde durch die Eroberung von Gebieten jenseits der 1948 definierten Grenzen zu einer Besatzungsmacht. Es war ein Moment der Euphorie, in dem sich schon wenige Tage nach der Beendigung der Kämpfe einige Leute aus der Kibbutz-Bewegung zusammenfanden und damit begannen, Zeugnisse einzuholen von den Soldaten.

          Der Schriftsteller Amos Oz war einer derjenigen, die damals ein „Gefühl der Beklommenheit“ verspürten und hören wollten, ob es anderen auch so ging. Die Interviews führten zu dem Buch „The Seventh Day“ von Avraham Shapira, das ganz und gar nicht in die Aufbruchsstimmung nach dem Sieg passte und vielfach als verräterisch empfunden wurde. Denn mit dem Tenor dieser Reflexionen ließ sich kein starker Staat machen: „Wir sind alle nicht glücklich zurückgekehrt.“

          Tragischer Zionismus?

          Das Buch ist auch heute noch unbedingt lesenswert. Man kann es sich nun allerdings ein bisschen leichter machen, denn die Dokumentarfilmerin Mor Loushy hat eine Filmversion hergestellt, die unter dem Titel „Censored Voices“ die wichtigsten Zeugnisse noch einmal präsentiert. Der Faktor der Zensur, auf den der Titel anspielt, ist dabei in einem doppelten Sinn zu verstehen: Schon 1967 konnte das Buch nur unter Auflagen erscheinen, inzwischen hat sich das politische und religiöse Klima so verändert, dass die ganze Position, die sich hinter dem Projekt erkennen lässt und die Amos Oz zum Beispiel auch mit der Initiative „Peace Now“ vertritt, als marginalisiert (wenn auch nicht im strengen Sinne zensuriert) erscheinen kann.

          Wobei man einen zentralen Satz des Films eigentlich nur wörtlich nehmen müsste, um ihn in seiner ganzen Berechtigung nichts anders als akzeptieren zu können: „Der Zionismus ist eine Tragödie. Von Anfang an.“ Wenn man das Tragische in einem klassischen Sinn als eine nicht vermittelbare Begegnung von subjektiven Gründen sieht, dann ist der Zionismus tragisch.

          „Du spürst deine Macht“

          Ähnliche Formulierungen lassen das ebenfalls anklingen: „Der Krieg war gerecht, aber unsere Taten nicht.“ Man muss sich hüten, mit einem Film wie „Censored Voices“ Politik machen zu wollen. Das wäre auch ungerecht gegenüber den Männern, die hier sprechen und die sich fast fünfzig Jahre später ihre Aussagen noch einmal anhören: „Es war einfach alles dreckig“, Kameraden fielen schon wenige Sekunden nach Beginn der Kampfhandlungen, die eigentliche Schlacht ist dann aber auch schnell vorbei, und plötzlich hat man es mit „zutiefst gedemütigten Menschen“ zu tun.

          „Du spürst deine Macht“, berichtet einer von der Eroberung der Jerusalemer Altstadt, bei der die Soldaten es nicht mit einer anderen Armee, sondern mit Zivilisten zu tun hatten. Und so ist dieser Krieg von Beginn an nicht nur mit ethischen Fragen durchsetzt, sondern auch von dieser besonderen Konstellation einer Auseinandersetzung aus Gründen politischer Theologie.

          Der Film hat gegenüber dem Buch einen Vorzug, den erst Mor Loushy wirklich zu einem werden lässt: Sie ist bei der Auswahl aus dem umfangreichen Archivmaterial an Bildern vorsichtig und klug vorgegangen. Und sie hat dabei doch sehr viele extrem aufschlussreiche Aufnahmen gefunden, die gut zu den „Stimmen“ passen. So entsteht eine zugleich persönliche wie allgemeine Erzählung.

          Heiliger als das menschliche Leben

          Sogar den anstößigsten Vergleich hebt „Censored Voices“ auf diese Weise auf eine humanistische Ebene: „Ich erkannte den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg wieder, als ich nach Jericho hineinfuhr“, sagt jemand. Längst hat auch dieser Topos die Seite gewechselt und dient heute nicht zuletzt Antisemiten als Bemäntelung ihrer eigentlichen Motive, wenn sie den Staat Israel kritisieren. Aus „Censored Voices“ aber lernt man gerade, dass das mögliche Vergleichsmoment darin liegt, dass die Geschichte immer neue Gedemütigte hervorbringt.

          Das „Gefühl der Beklommenheit“ von 1967 hat seine eigene Geschichte, die in „Censored Voices“ zum Ende hin die konkreten politischen Optionen zurück ins Spiel holt. Einige der Sprecher von damals zählen sich heute zur Rechten in Israel. So erweist sich der Gründungsmoment als konstitutiv zweigesichtig, jede Friedensidee als schwach, solange es um „befreite Heiligtümer“ geht, die als heiliger gelten als das menschliche Leben.

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