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Sechs Monate vor der Wahl : Dunkle Wolken über Teheran

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„Wir werden nicht aufgeben!“ So lautet der Refrain offizieller Medien, und an jedem Tag, der vergeht, stürzt die Landeswährung weiter in den Keller, steigen die Preise von Lebensmitteln, und die Sorgen schlagen sich, wie ein verdächtiges Gas, das verborgenen durchlässigen Stellen entströmt, nun hoch verdichtet in den Augen der Menschen nieder.

Vergebliche Voraussagen

Die Präsidentenwahlen rücken näher; in weniger als sechs Monaten werden die Menschen wieder zu den Urnen schreiten. „Woher wissen Sie, ob dieses Jahr das letzte Regierungsjahr sein wird?“ Das antwortete Ahmadineschad auf die Frage eines Journalisten. Iran versinkt mit einer atemraubenden Geschwindigkeit in der Krise. Manche Zeitungen sprechen von Haschemi Rafsandschani als dem „Mann der Krise“, während sich suchende Zeigefinger nach jeder Seite richten. Haschemi Rafsandschani, der zwei Kinder im Gefängnis hat, spricht von methodischen Aktionen satanischer Möchtegern-Revoluzzer, um Leute, denen die Revolution am Herzen liege, auszumerzen. Millionenschwere Porsches paradieren auf Teherans Straßen, während eine große Armee von Gestressten und Wartenden am Rande von Teheran auf der Lauer sitzt. Vielleicht hat jener suchende Finger gar einen muslimischen Napoleon zum Ziel?

Die Gefahr eines israelischen Angriffs auf Iran ist bereits ein alter Hut, auch wenn zu jener Zeit, als die israelische Propaganda über die Notwendigkeit eines solchen Angriffs auf ihrem Höhepunkt angelangt war, sie nur geringen Widerhall im iranischen Volk fand. „Jenseits von Schwarz gibt es keine Farbe“, es kann nicht schlimmer kommen. Jawohl, mit einer solchen Sichtweise überlassen sich die Iraner den Ereignissen.

Ein weiterer offensichtlicher Charakterzug von uns Iranern ist es, dass wir uns prinzipiell nicht um die Zukunft kümmern. Ein berühmtes persisches Sprichwort sagt: Wenn du einen Apfel in die Luft wirfst, wird er sich tausendmal drehen, bis er auf die Erde fällt (das heißt selbst in so kurzer Zeit), was bedeuten soll: Voraussage und das Denken über die Zukunft sind eine vergebliche Sache. Es ist eben alles in stetem Wandel begriffen.

Ahmadineschads Verteidigungsrede

Der Vorsteher der parlamentarischen Wirtschaftskommission erklärte neulich, in den Häusern der Iraner gebe es mehr als zwanzig Milliarden an verschiedenen Fremdwährungen. Das heißt, dass das Volk dem Bankensystem im Land nicht mehr traue. Ein Parlamentarier verkündete, dass die Zentralbank heimlich auf dem freien Markt Fremdwährung verkaufe, während ein anderer Parlamentarier angibt, dass fünf Milliarden Dollar Falschgeld auf dem Währungssektor im Umlauf seien, und dennoch lässt der Ansturm der Menschen auf den Schwarzmarkt nicht nach, um den Rial in jede verfügbare Währung umzutauschen, und sei es in die Währung eines Landes wie Afghanistan.

Die Wirtschaftskrise ist sogar so weit fortgeschritten, dass der Präsident der Handelskammer von einer Situation spricht, in der der Dollar alles bestimme. Die Anzahl derjenigen, die den Entwurf zur Amtsenthebung des Staatspräsidenten signieren, wächst von Tag zu Tag, so dass ein Parlamentarier warnt, dass „die Verteidigungsrede von Ahmadineschad während des Verfahrens zur Amtsenthebung möglicherweise dazu führt, unsere Lage zu verschlimmern“. Demaskierung ist jenes verfluchte Wort, das sie gegenseitig zum Schweigen zwingt.

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