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Sebastião Salgado : Bilder, die nichts verbergen vom Fallen der Zeit

Ein Schamane stellt einen Sago-Filter aus Sagobaumblättern her. Siberut Island, West Sumatra, Indonesien, 2008. Aus dem Buch „Genesis“. Bild: Sebastiao Salgado/Amazonas Image

Rastloser Entdecker: Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

          3 Min.

          Es ist das erste Mal, dass ein Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Und es ist einer, der mit eher schwer zu vermittelnden Themen den Weg in die Wohnzimmer und Hotelfoyers der Welt gefunden hat. Migration, Hunger, harte Arbeitsbedingungen, brennende Ölquellen und zuletzt bedrohte Naturparadiese gehören nicht zu den Stoffen, die man sich normalerweise gerne bei einer Tasse Tee zwischendurch anschaut, doch wenn Sebastião Salgado das fotografiert, blättert man fasziniert durch diese prekären Bilderwelten. „Terra“, „Exodus“, „Genesis“ heißen seine schweren, großformatigen Bildbände, und schon in den Titeln zeigt sich der universalistische Anspruch. Nichts ist bei Salgado kleinformatig.

          Wo andere Fotoreporter angesichts des Elends mit den Mitteln der schonungslosen Drastik arbeiten würden und nah an ihr Objekt herangingen, tritt Salgado bewusst einen Schritt zurück und zeigt das große Tableau. Seine Fotografien sind episch und von altmeisterlicher Perfektion. Seine Bilder von Flüchtlingslagern lassen an Schlachtengemälde denken, seine Porträts erinnern an das Chiaroscuro des Barock. Wenn seine ausgemergelten Arbeiter massenweise auf brüchigen Leitern in die schlammige Goldmine von Serra Pelada herabsteigen, dann tun sie das sorgfältig komponiert und in perfekt abgewedelten Grautönen. So entstehen Bilder, die auf Wirkung angelegt sind, und ihren Zweck nicht verfehlen. Man kann diese galeriereife Überwältigungsästhetik kritisieren, aber sie funktioniert. Er hat die Sozialfotografie auf die Kaffeetische gebracht, was immer man davon halten mag.

          Wochenlang in entlegenen Weltgegenden

          Salgado ist Autodidakt, den Umgang mit der Kamera brachte er sich selbst bei. Er wuchs mit sieben Schwestern auf der elterlichen Farm im ländlichen Brasilien auf und studierte Wirtschaftswissenschaften in einer nahegelegenen Kleinstadt. Vor der brasilianischen Militärdiktatur floh er 1969 nach Europa, kam zunächst nach Paris. In London arbeitete er im internationalen Kaffeehandel. Als er bei einer Dienstreise die Leica seiner Frau, einer studierten Architektin, mitnahm, fand er Gefallen an der Fotografie und beschloss, sich als Fotoreporter selbständig zu machen. Salgado begann mit Sport- und Hochzeitsfotos, dann folgten Agenturaufträge in aller Welt, 1979 wurde er bei der legendären Fotoagentur „Magnum“ aufgenommen. Inzwischen betreibt er seine eigene Agentur.

          Der Fotograf und seine Arbeitsweise werden in dem Film „Das Salz der Erde“ porträtiert, den Wim Wenders im Jahr 2014 in die Kinos brachte – mit dabei war auch sein Sohn, der Regisseur und Kameramann Juliano Ribeiro Salgado. Der Film zeigt ihn als Abenteurer, der wochenlang in entlegene Weltgegenden fährt, nach Papua Neuguinea oder ans ostsibirische Meer, um einen entlegenen Stamm oder eine Walrossherde zu besuchen. Salgado verkörpert den Prototyp des rastlosen Entdeckerfotografen, der tagelang damit beschäftigt ist, einen Eisbären gut ausgeleuchtet vor interessantem Hintergrund zu inszenieren. Oder für seinen Bildband „Genesis“ Stämme in Gegenden besucht, in die noch kein Tourismus vorgedrungen ist.

          Ebenfalls aus „Genesis“: Wale suchen Schutz bei der Valdés-Halbinsel, Argentinien, 2004. Bilderstrecke
          Sebastião Salgado : Bilder, die nichts verbergen vom Fallen der Zeit

          Bei Salgado entstehen Bilder, die wirken wie aus der Zeit gefallen. Nichts deutet darauf hin, dass sie im globalisierten zwanzigsten Jahrhundert entstanden sind, es gibt so gut wie keine Brüche. Kuhhirten stampfen durch den Staub der Sahara, Inuit durch den Schnee der Polregion, Regenwaldbewohner pflegen exzentrische Schmuckvorlieben. Man kennt solche Darstellungen aus den Jugendbüchern der Kindheit. Und vielleicht ist es das, was an seinen Bildern so fasziniert, nämlich die Erfüllung heimlicher Wunschvorstellungen von einer eindeutigen Ordnung der Welt. Und so zeigt Salgado beispielsweise ein Afrika, das noch nicht voller Selbstbewusstsein in die Moderne aufgebrochen ist und eigene Fotografen hervorbringt, die ihren Kontinent selbst abbilden können. Wenn seine Arbeiter an Maschinen schuften, ist die Mühsal höchst körperlich, dann glänzen die angespannten Muskeln und das Öl spritzt. Zeigt er Leid, so ist es stets überdeutlich zu erkennen, das Bild weist nicht nach innen, es verbirgt nichts. Bei Salgado gibt es keine Fernseher, keine Computer; das Informationszeitalter, das momentan so gegenwärtig erscheint, interessiert ihn nicht. Er fragt vielmehr, wie die Welt aussähe, wenn es all das nicht gäbe.

          Salgado sei ein Bildkünstler, der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordere und der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleihe, begründete Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Entscheidung für den Preisträger.

          Und sein Engagement ist in der Tat beeindruckend. Aus der versteppten elterlichen Farm, die er mühsam wieder aufforstete, machte er in Pionierarbeit einen Nationalpark. Er fotografierte in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen und ist Unicef-Botschafter. Der mit 25000 Euro dotierte Friedenspreis wird ihm zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse nun am 20. Oktober in der Paulskirche verliehen.

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