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Sea Shanty TikTok : Bring uns Tee und Rum!

Was hat der Gegenwartsmensch mit einem Walfänger gemeinsam? Eine Vorliebe für Sea Shanties mal mindestens. Bild: Picture-Alliance

Bald kommt der „Wellerman“: Das Seemannslied eines neuseeländischen Walfängers aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zieht gerade Kreise im Internet – und spricht zu uns allen.

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          Warum genau der „Wellerman“ so durch die Decke gegangen ist, lässt sich im Nachhinein wohl nicht mehr klären. Tatsache ist aber, dass der aus der neuseeländischen Schifffahrt stammende Sea Shanty Anfang des noch jungen Jahres 2021 ziemlich viele junge Menschen bei einem Internet-Kurzvideodienst namens TikTok beschäftigte und noch viele mehr in einer nicht ganz leichten Zeit plattformübergreifend bei Laune hielt.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Urheber der allerersten Version ist Nathan Evans, diversen Internetquellen zufolge ein 26 Jahre alter Briefträger aus Schottland mit einer Vorliebe für Seemannslieder, und Schotten brauchen in diesen Post-Brexit-Tagen ja wirklich jede Aufheiterung, die sie bekommen können. Am 27. Dezember postete er seine A-Capella-Version des „Wellerman“, der mit einem äußerst einprägsamen Refrain aufwartet: „Soon may the Wellerman come /To bring us sugar and tea and rum. / One day, when the tonguin’ is done /We’ll take our leave and go“.

          Enormes Mitmachpotential

          Weller Bros. war um 1830 ein auf Walfang spezialisiertes Unternehmen, das die erbeuteten Tiere an Land zerlegte – was man auf Englisch als „tonguing“ bezeichnet –, das sich aber auch um Versorgung und Ausrüstung einer Flotte von Walfangschiffen kümmerte. Um Zucker, Tee und Rum zum Beispiel, weshalb die Ankunft des Wellerman so sehnsüchtig erwartet wurde. Das Schöne an diesen Sea Shantys ist nun die möglichst einfach mitzusingende Melodie, die auf einer ebenso einfachen Struktur aus Einheiten zu jeweils vier Takten beruht. Viel komplexer darf es auch nicht werden angesichts etwa 20 bis 30 hart arbeitender Seeleute auf einem durchschnittlichen Walfangschiff, die nicht alle musikalisch hochbegabt sind. Wie die meisten Folksongs ist auch die Melodie des „Wellerman“ offen für Variationen, Verzierungen und Harmonien, was das enorme Mitmachpotential in diesen digitalen Zeiten vielleicht ansatzweise, aber nicht vollständig erklärt.

          Eine weitere Rolle spielte die Duett-Funktion, die Tiktok anbietet und es ziemlich einfach macht, eine weitere Stimme zuzuschalten. Zu Nathan Evans kurzem Video gesellte sich jedenfalls bald mit Luke Taylor aus Philadelphia ein Bass, dann diverse Baritone, ein paar Soprane und schließlich ziemlich versierte Geigerinnen. Über mehrere Tage hinweg erfreuten immer neue „Wellerman“-Chöre das geneigte Publikum im Internet, und niemand konnte sich der Faszination so recht entziehen, und dem Ohrwurm erst recht nicht.

          Ist es der Rhythmus, dafür gemacht, die Mannschaft bei der harten Arbeit auf einem Segelschiff im Takt und bei Laune zu halten und uns in unserem Homeoffice auch irgendwie? Ist es die Sehnsucht nach der weiten See, die wir alle ewig nicht mehr gesehen haben? Ist es das im Refrain angesprochene Warten auf bessere Zeiten – Tee oder Rum oder ein Ende der Pandemie – das uns mitreißt? Oder vielleicht einfach die Freude am gemeinsamen Singen, das über TikTok angenehm aerosolfrei vonstatten gehen kann?

          Oder von allem etwas? Nach der großen Brotbackwelle von 2020 sollte einen nicht mehr wundern, dass Menschen momentan zu den Dingen greifen, die sie schlicht glücklich machen – egal, wie verpönt diese einmal waren.

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