https://www.faz.net/-gqz-9es76

Glosse zum neuen Scrabble : Was für eine Innovation!

Mal ehrlich: Was war denn so schlecht an den alten Wörtern, dass wir ständig neue brauchen? Bild: dpa

Das altehrwürdige Spiel Scrabble wird vom deutschen Hersteller in „Buchstaben-YOLO“ umbenannt. Die Erklärung dazu steht dem neuen Namen in nichts nach – genau wie der Werbespot.

          Hinweis: Mittlerweile kam die Pressemitteilung von Mattel, es habe sich bei der Umbenennung um einen Scherz gehandelt. „Wir wollten unseren Fans zeigen, was sie an ihrem Scrabble haben. Oft merkt man erst, wenn etwas weg ist, wie lieb man es gewonnen hat“, sagte die Unternehmenssprecherin. Wir sind gerührt.

          Wer heute mittelalt ist, kommt in den doppelten Genuss: seinen Kindern zu erklären, was Hedonismus ist, und seinen Eltern, wofür YOLO steht. Nämlich für ungefähr das Gleiche – „you only live once“ lautet das Akronym ausgeschrieben, und man benutzt es wie einen Schlachtruf, wenn man entscheidet, spätnachts doch noch auszugehen, den achten Muffin zu essen oder das teure Handy zu kaufen. Ein wichtiger und schöner Begriff also, aber von Menschen über zwanzig doch nur höchst ironisch im Munde zu führen.

          Das hat sich allerdings nicht bis zum Spielehersteller Mattel durchgesprochen, wo man gerade eine stolze Pressemitteilung herausgab: Das altehrwürdige Scrabble wird nun in „Buchstaben-YOLO“ umbenannt. „Muss ich jeden Trend mitmachen? Die Antwort von Mattel lautet ganz klar: Nein! Aber mit der Zeit gehen sollte man hingegen schon“, heißt es in der Bekanntmachung, die im weiteren Verlauf „mehr Spaß für die ganze Family Crew“ ankündigt. In einem hochnotpeinlichen Werbespot dazu hüpft der Rapper MC Fitti durch ein bürgerliches Wohnzimmer und sagt zur Mutter: „Du hast Swag, kleine Maus.“ Swag wiederum würde man den Großeltern wohl mit „Charisma“ übersetzen, jedenfalls scheint jemand bei Matell eine interne Wette laufen zu haben zur Frage, wie viele Jugendwörter man in einer einzigen Kampagne unterbringen kann.

          Dafür mussten die Verantwortlichen das Spiel offenbar nicht besonders gut kennen: „Mit vielen neuen Begriffen aus dem Jugendjargon“ komme Scrabble jetzt daher, schreiben sie. Das ist etwa, als würden die Wasserwerke damit werben, dass ihre Anlagen jetzt auch Putzwasser liefern. Scrabble lebt schließlich genau davon, dass man nur die Buchstaben bekommt und damit machen kann, was man will. Manche lassen alles gelten, was im Duden steht, bei manchen geht ehrenhalber noch das Wort „Schwanzhund“ durch, andere spielen es von vornherein mit Anarchoregeln: Wer mal bei der Schwiegerfamilie das Eis brechen will, dem sei die Variante empfohlen, bei der man nur Schimpfwörter legen darf. Jetzt gelten dann eben auch noch YOLO und Swag, was für eine Innovation!

          Der Name wird übrigens nur in Deutschland geändert, als wäre es nicht schon schlimm genug, dass die englischen Filmtitel hier meist eigenwillig übersetzt werden. Eine völlig unnötige Aktion, denn Scrabble war bereits der perfekte Name: „to scrabble“ bezeichnet das Wühlen nach neuen Buchstaben im Säckchen. Dagegen kommt YOLO nun wirklich nicht an. Welcher Teenager schreibt schon seinen Freunden: „Heute komm ich nicht in die Kneipe, stattdessen Brettspiele mit meiner Familie, YOLO!“? Aber wahrscheinlich werden die wahren Fans des Spiels ohnehin nur mit den Schultern zucken: Die Worte Scrabble und YOLO ergeben beide je 16 Punkte. Alles andere ist egal.

          Weitere Themen

          Was kostet das Leid in Frankreich?

          Theater und Realität in Paris : Was kostet das Leid in Frankreich?

          Während die Welt draußen aus den Fugen gerät und ein Mann in Straßburg um sich schießt, findet in einem Pariser Theater ein Friedensfest statt: Jean-Louis Trintignant versöhnt mit Poesie und Musik die schmerzhafte Gegenwart.

          Verwandlung der bösen Geister

          Sachbuch über die Drogenwelt : Verwandlung der bösen Geister

          Ihr Nimbus schwindet, seit sie zur Medizin für überforderte Menschen geworden sind: Alexander Wendt führt in seinem Buch „Kristall“ in die Welt der Drogen – und damit in das Elend der Konsumenten.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

          Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

          Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

          Bayerns 3:3 bei Ajax : Fußball verrückt in Amsterdam

          Beim 3:3 zwischen Ajax Amsterdam und Bayern München geht es drunter und drüber. Am Ende stehen die Bayern zumindest in der Champions League dort, wo sie sich am wohlsten fühlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.