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Science-Fiction : Hundert Jahre Übermorgen

Einer der neueren Science-Fiction-Klassiker: „Independence Day“ von Roland Emmerich brach 1996 Rekorde an den Kinokassen. Bild: Picture-Alliance

Im Januar 1916 sah ein experimentierfreudiger und mit Lügengeschichten beschäftigter Prophet namens Hugo Gernsback sehr genau eine Literatur voraus, die nie von gestern ist: Science-Fiction.

          Wer Leute vom Fach fragt, seit wann es eigentlich Science-Fiction gibt, erhält unterschiedliche Antworten. Man kann einen Wettbewerb der Frühdatierungen veranstalten, den es auch bei Comics gibt, wo manche den Teppich von Bayeux, andere die alten Ägypter und die Radikalsten vorgeschichtliche Höhlenmalerei herbeizitieren. Im angelsächsischen Sprachraum, der schon deshalb zuständig scheint, weil die Sache weltweit nun mal „Science Fiction“ heißt und nicht „ciencia ficción“ oder „Wissenschaftsdichtung“, herrscht inzwischen akademischer Konsens darüber, dass das Genre mit diesem Namen erst eines wurde, als man es nicht mehr für ein literarisches Markenzeichen Einzelner hielt, sondern für einen Modus, in dem sich prinzipiell jede und jeder versuchen kann, vorausgesetzt, die Spielregeln werden beachtet. Das ist wie beim Mobile - zunächst ein Einfall des Künstlers Alexander Calder, irgendwann dann aber über Millionen von Babylaufställen aufgehängt und damit ein Genre.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geburt der Science Fiction wird gern auf das Jahr 1926 datiert, als der aus Luxemburg stammende amerikanische Verleger und Redakteur Hugo Gernsback die Zeitschrift „Amazing Stories“ auf den Markt brachte, die nach seinem Willen Geschichten „wie von Jules Verne, H. G. Wells und Edgar Allan Poe“ bringen sollte. Der Name, den Gernsback für das vorschlug, was er den großen Einzelnen damit entwenden und ins Gemeingut überführen wollte, war „scientifiction“, ein sogenanntes Portmanteau-Wort, geläufig aus der Werbung („schuhverlässig“), Witzen von Heinrich Heine („famillionär“) und Karl Kraus („Sozialibi“), der Freudschen Fehlleistungstheorie („zum Vorschwein kommen“) und modernistischer Literatur.

          Als Hugo Gernsback 1929 aus Pleitegründen die Kontrolle über „Amazing Stories“ verlor, gab er auch den Begriff „scientifiction“ auf und angelte sich im Archiv einen anderen für das, was er fortan förderte: „Science Fiction“ - ein Wort, das 1851 bereits William Wilson für Texte benutzt hatte, wie sie dann von Wells, M. P. Shiel oder C. Howard Hinton in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit großer Breitenwirkung auf die Massenphantasie lanciert wurden. Noch später kam in Anlehnung ans Modewort „Hi Fi“ für besonders klangtreue Tonwiedergabetechnik das Kürzel „SciFi“ auf. Als Erfinder dieser Schmockerei darf der Monsterfilmfreak Forrest J. „Forry“ Ackerman gelten; Profis wie Harlan Ellison machen sich darüber seither gern lustig, sprechen den Unfug „Skiffy“ aus und freuen sich auch nicht über dessen Kürze - wenn sie es knapp wollen, sprechen und schreiben sie (wie fortan auch dieser Text) von SF.

          Die von Hugo Gernsback gegründete Zeitschrift „Amazing Stories“ in einer Ausgabe von 1942

          Gernsbacks „scientifiction“ beschwor mit just diesem Ausdruck noch 1940 kein Geringerer als George Orwell, um H. G. Wells zu loben, und verwies damit womöglich unwissentlich auf „Amazing Stories“, den großen Inkubator, an dem das heute weithin als Urdatum akzeptierte Etikett „1926“ haftet. Verdeckt wird dabei aber, dass Gernsback sein Kind in jenem Jahr bloß zur Welt brachte, jedoch viel früher zeugte beziehungsweise empfing. Die Schwangerschaft, stellt sich bei genauerer Nachforschung heraus, währte mindestens zehn Jahre. Eins seiner frühesten Bekenntnisse zum Genre, von dem die einschlägigen Kompendien der Universitätsverlage zwischen Routledge, Oxford und Palgrave Macmillan übereinstimmend sagen, Gernsback habe es gestiftet, legte der Mann vor genau hundert Jahren ab, im Januar 1916 - übrigens wiederum hundert Jahre nach Erscheinen eines Textes, der von vielen als erster aus der Reihe der Proto-SF-Texte von großen Einzelnen genannt wird, nur dass dieser Einzelne bei Gernsback fehlt, vielleicht, weil er eine Frau ist: Mary Shelleys „Frankenstein or The Modern Prometheus“.

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