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Science-Fiction : Hundert Jahre Übermorgen

Das hat auch einen außerkulturell-historischen Hintergrund: Vor 25 Jahren brach mit dem Ostblock auch die globale Trägerschaft der Idee zusammen, das ein-und-einzige Substrat der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Grundlagen des Gesellschaftlichen, nämlich die Profitwirtschaft, ließe sich durch ein anderes, geplantes, SF-hafteres Substrat im Weltmaßstab ersetzen. Manch große Idee ist seither zersplittert, und auch SF schildert heute, wenn sie von der Zukunft oder anderweitig entrückten Räumen spricht, das Zusammenspiel mehrerer Verfremdungsmomente, statt sich auf je eins zu verlassen.

Derartige Multipolaritäten lösen Konflikte aus, handfesten Streit, auch um Gernsbacks Erbe und sogar unmittelbar in seinem Namen: Der im literarischen Leben des Genres populärste, von Teilnehmenden der traditionsreichen World Science Fiction Convention vergebene Hugo Gernsback Award war letztes Jahr umkämpfter denn je. Gleich zwei konservative bis explizit „rechte“ Initativen zur Wahlbeeinflussung, die „Sad Puppies“ und die „Rabid Puppies“, zogen mit allen Waffen der Online-Welt ins Gefecht gegen eine von ihnen behauptete Verschwörung der SF-Linken, die sie daran zu erkennen meinten, dass in den letzten Jahren auffällig viele Hugos an Nichtweiße, Homosexuelle und andere Identitätspolitiksubjekte verliehen worden seien. Man mag das einen harmlosen Streit unter Nerds finden, aber vielleicht nur, bis man erfährt, dass Theodore Beale alias „Vox Day“, einer der Wortführer der „Rabid Puppies“ und einflussreicher Blogger, einer schwarzen Kollegin öffentlich zu erklären versucht hat, sie und er wären aus genetischen Gründen nicht gleichermaßen der Spezies Homo Sapiens zuzurechnen.

Auf der Leseliste von Barack Obama: Cixin Lius „The Three-Body Problem“

Das Ergebnis der um den Hugo Gernsback Award 2015 ausgetragenen erbitterten Gefechte entbehrt nicht der Ironie. In der Kategorie „Bester Roman“ gewann anders als sonst weder die linke noch die rechte anglophone Welt, sondern als lachender Dritter der Chinese Cixin Liu (der übrigens, wie man neulich erfuhr, neben Jonathan Franzen auf Barack Obamas Weihnachtsurlaubsleseliste steht). Ein Sieg für Multikulti? Nur bedingt, denn den Preis für „best fan writer“ gewann Laura J. Mixon für ihre Abrechnung mit der Ultralinken Benjanun Sriduangkaew, einer aufstrebenden Autorin, brillanten Stilistin und Polemikerin mit härtesten Bandagen, die unter verschiedenen Pseudonymen und mit justitiablen Schimpfkampagnen jahrelang das Leben zahlreicher SF-Fans belastet hat, die ihr nicht antirassistisch, gendergerecht und sexualidentitätstolerant genug waren.

Solche Scharmützel wie auch die Entscheidung, die Statuette für den angesehenen „World Fantasy Award“ umzugestalten, die bis jetzt einer Karikatur von H. P. Lovecraft nachgebildet war, dessen Werk und Person nicht wenige potentielle und wirkliche Preisträgerinnen und Preisträger als rassistisch und frauenfeindlich ablehnen, sind Belege dafür, dass Kämpfe ums Phantastische solche um das sind, was der österreichische Früh-SF-Autor Colerus vor hundert Jahren ganz abschaffen wollte: Kulturen.

Die interessanteste SF, die derzeit in Hugo Gernsbacks Wahlheimatland veröffentlicht wird, stellt sich dieser Tatsache, von den Werken Yoon Ha Lees, in denen Mathematik und asiatische Mythologie einander begegnen, bis zu den Schriften der nigerianisch-amerikanischen Fabulistin Nnedi Okorafor. Wird Münchhausen also am Ende eine Weltbürgerin? Die SF von heute kann das wohl nur ahnen; die der Zukunft wird es zeigen.

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