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Science-Fiction : Hundert Jahre Übermorgen

Der Film „Starship Troopers“ basiert auf dem gleichnamigen Roman, den Robert A. Heinlein 1959 verfasste.

Die fiktiven Welten, die um jene Bild-Urkristalle herum auskomponiert werden, unterscheiden sich bei den drei kräftigsten Untergattungen der Gegenwartsphantastik, nämlich erstens übernatürlichem Horror (siehe H. P. Lovecraft oder Stephen King), zweitens Fantasy (Robert E. Howard bis J. R. R. Tolkien) und drittens SF (von Robert A. Heinlein bis Joanna Russ), nach der Art, in der das, was um die evokativen Grundbilder (Doppelsonne, Spiegelmembran) auskristallisiert, plausibel gemacht wird. Fantasy übertölpelt die Skepsis, indem sie auf Mythen abhebt, die tief im Kulturunbewussten leben (weiser Zauberer, tapferer Prinz). SF vernachlässigt diese Korrespondenz ihrer Träume mit der Hinterlassenschaft der Ahnen zugunsten der Kohärenz aller Teile der erfundenen Welten untereinander, die mit logischer Triftigkeit organisiert wird - jene Welten sind quasi am Reißbrett oder am Rechner geplant. Horror wiederum nimmt man für voll, weil man eben ernst nehmen muss, was der Körper fürchtet oder begehrt: „Oh Gott, wie eklig!“ oder „Lieber Himmel, wie heiß!“ - kein Genre außer der Pornographie setzt so konsequent auf im- oder explizit Sexuelles wie Horror; Lovecrafts und Kings Schriften, Cronenbergs und Lynchs Filme sind Vergnügungsparks und Hinrichtungsstätten der Psychoanalyse.

Dass der Schwerpunkt des SF-Designs uranfänglich auf der wissenschaftsverwandten Kohärenz der jeweiligen Fiktivkosmen liegt (statt wie bei Fantasy und Horror auf der Korrespondenz mit vorgeprägten Bildern und Empfindungen), stellt nicht zuletzt die kritische, wertende und erklärende Befassung mit SF vor eine besondere Herausforderung: Sie darf, wenn sie verstehen will, was SF bedeutet, nicht zuerst fragen, woran etwas von ihr Erzähltes oder Gezeigtes erinnert, sondern welche Rolle es binnenlogisch im Dargestellten spielt. Das ist eine Klippe, an der zum Beispiel ein Großteil der momentan blühenden kulturjournalistischen Star-Wars-Essayistik betriebsblind zerschellt.

Aristoteles wie Hegel haben erklärt, Kunst sei eine Form der Erkenntnis. Von den theoretischen Schriften der deutschen Klassik, vor allem Schiller, darf man lernen, dass die besondere Rolle der Kunst in diesem Zusammenhang das Spielen und Üben von Erkenntnis ist: Man erkennt, wie es sich anfühlt, etwas zu erkennen, selbst wenn nichts erkannt wird, das wirklich existiert. Der ästhetische Hauptausdruck dieses Erkenntnisspiels in der klassischen SF, also im „Gernsback-Kontinuum“ (William Gibson), wird sense of wonder genannt, Dies meint das Staunen, das ausgelöst wird, wenn sich das Hirn von einer einzigen großen verfremdenden Idee überwältigt sieht. Klassische SF geht also meist genau einen Schritt über das Bekannte hinaus - zu einer von einer neuen Erfindung umgekrempelten irdischen Zivilisation, auf einen fremden Planeten, in die Zukunft oder in einen ausgesuchten Moment eines zum bekannten alternativen Geschichtsverlaufs.

Im Jahr 2016 wird SF kaum mehr so geschrieben. Die ein-und-einzige Verfremdung, aus der eine ganze Storywelt extrapoliert werden kann, findet sich heute kaum mehr im Genre selbst - und erst recht nicht bei Autorinnen und Autoren, die an den Errungenschaften dieses Genres, von anderswoher kommend, lediglich partizipieren: Michel Houellebecq, Margaret Atwood, David Mitchell, Haruki Murakami und tutti quanti.

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