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Science-Fiction : Hundert Jahre Übermorgen

Aus kulturindustriegeschichtlichen Gründen hat man sich mittlerweile angewöhnt, SF für eine primär amerikanische Angelegenheit zu halten. Das war sie aber nicht einmal während Gernsbacks zehnjähriger Schwangerschaft. Im Oktober 1916 schon saß etwa der Österreicher Egmont Colerus von Geldern an ersten Entwürfen zum Roman „Der heiligste Krieg“, später als „Der dritte Weg“ bekannt geworden - pure SF, nämlich eine Phantasie, in der ein deutsch-jüdischer Ingenieur namens Hollaender schließlich als Weltdiktator dem „Götzen Kultur“ zu Leibe rückt, der die Nationen trennt. Mit Alfred Döblin („Berge, Meere und Giganten“, 1924) und Johannes R. Becher („Levisite“, 1926) beteiligte sich der deutsche Expressionismus parallel zum Start von „Amazing Stories“ an der Ausrufung der neuen Perspektive. Dass Gernsbacks Unterhaltungsprojekt ferner in der Avantgarde der Zeit zwischen italienischem und russischem Futurismus seine Verwandten hat, ist so unmittelbar evident wie die Abstammung des Proto-Surrealisten Raymond Roussel von Jules Verne (zu der Roussel sich auch explizit bekannte).

Einfach erzählend aufgelockerte Futurologie war das alles so wenig wie Gernsbacks Projekt selbst. Sieht man das ein, so wird man verstehen, dass auch die schiere Auflistung des SF-typischen Maschinenparks (Roboter, Raumschiffe, Klone) die Bestimmung der Sache in etwa so weit verfehlt, wie es Definitionen des psychologischen Romans als „Geschichten von traurigen Frauen“ oder des historischen Romans als „Etüden über Napoleon“ tun müssten.

Jene Roboter und Raumschiffe sind an ihrem Ursprung einfach Requisiten für die Gernsback-Ästhetik des „wissenschaftlichen Abenteuers“, inzwischen aber Gerinnungsformen von funktionalen poetischen Errungenschaften, die bei der Umsetzung dieses Plans erwirtschaftet wurden. Gernsbacks Genre tut grundsätzlich, was alle Phantastik tut: Dinge darstellen, die der Alltags- und Durchschnittserfahrung des Publikums widersprechen. Gernsback hatte erkannt, dass diese Durchschnittserfahrung sehr reflektiert sein und in einer hochverwissenschaftlichten Gesellschaft die sehr theoretische Gestalt von „Naturgesetzen“ annehmen kann. SF behandelt ihre Angriffe auf die Durchschnittserfahrung ausgehend von kleinen Vorstellungskonstellationen, die der Schriftsteller Samuel R. Delany vor etwa vierzig Jahren in seinen einflussreichen „Notizen zur Sprache der Science Fiction“ als ungewöhnliche Bilder speziellen Zuschnitts identifiziert hat - Dinge wie: „die zweite Sonne ging eine halbe Stunde später auf als die erste“ oder „sobald er die rote Pille genommen hatte, konnte er in den Spiegel greifen“.

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