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Science-Fiction : Hundert Jahre Übermorgen

1916 gab Gernsback neben anderem, was er trieb, ein Magazin heraus, das die Ingenieure und Techniker der nahen Zukunft inspirieren, unterhalten und belehren sollte, vergleichbar heutigen IT-Periodika wie „Wired“. Das Heft hieß „Electrical Experimenter“ und brachte außer Informationen über das Neueste an der Funkenfront auch Spinnereien, darunter zwischen Mai 1915 und Februar 1917 Gernsbacks Fortsetzungserzählung „The Scientific Adventures of Baron Münchhausen“, in welcher der deutsche Lügenbaron unter anderem ein Raumschiff kommandiert, das „Interstellar“ heißt und auf dem Umschlag der „Experimenter“-Ausgabe vom Juni 1915 bereits wie der erste, rund fünfzig Jahre später in die Erdumlaufbahn geschossene Telstar-Kommunikationssatellit aussieht.

Münchhausen befehligte Raumschiffe und Pferde auf seine eigene Art: Illustration von Rudolp Erich Raspe aus dem Jahr 1896

Als eine Art „mission statement“ waren die Worte gemeint, die Gernsback im Januar 1916 in seine Zeitschrift setzte, um die Wiederbelebung des Lügenbarons zu erläutern: „I am supposed to record Münchhausens doings; am supposed to be writing fiction, scientifiction, to be correct.“ Mit dem hier kursiv gesetzten Wort ist ein kompaktes Manifest in die Welt gesetzt; nicht nur Jeff Pruchers nützliches „Oxford Dictionary of Science Fiction“ (2007) erblickt darin den Urknall der Gattung.

Wozu SF seither taugt, darüber herrschen heute weithin drei eher ungenaue Vorstellungen: irgendwas mit Technik, irgendwas mit Zukunft, erzählte Vorhersage. Will man ein Genre wirklich begreifen, zu dem allein im jüngst vergangenen Jahr so völlig heterogene Erscheinungen wie Neal Stephensons soziospekulative Abhandlung „Seveneves“, das Computerspiel „Kerbal Space Program“ und der Blockbuster „Star Wars Episode VII: The Force Awakens“ gehören, kommt man mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner „technisierte Zukunftsvisionen“ bloß so weit, wie man kommt, wenn man „Robinson Crusoe“ und „Moby-Dick“ neben Survival-Schmonzetten ins Regal „Mensch gegen Natur“ einsortiert. In Wirklichkeit handelt Daniel Defoes berühmter Schiffbrüchigenroman vom frühbürgerlichen Erfolgsmenschen und seiner Charakterstruktur, Melvilles apokalyptisches Walepos aber von einer obsessiv verbohrten und verhärteten Nachfolgefigur dieses Typus. Wann immer Kunst nämlich den Anschein projiziert, sie berichte von der menschlichen Unterwerfung der nichtmenschlichen Natur, geht es in Wirklichkeit um historische Erscheinungsformen bestimmter Menschlichkeiten in spezifischen Verhältnissen zueinander und zu jener nichtmenschlichen Natur. Die SF erweitert das Programm zunächst nur um den Blick auf etwas, das zwar von Menschen gemacht, aber ebenfalls zu einer Art Natur geworden ist: die verwissenschaftlichte Produktion und Reproduktion der Gesellschaftsgrundlagen, die mit der Neuzeit aufkam.

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