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Science Fiction : Himmel voller Drohnen

  • -Aktualisiert am

Wo schon im Computerspiel die Agenten herumschleichen, bleibt für den Schriftsteller nicht mehr viel zu imaginieren. Szene aus „World of Warcraft“ Bild: ddp

Was tut ein Science Fiction-Autor nach Snowdens Enthüllungen? Charles Stross, einer der Beliebtesten seiner Zunft, fühlt sich von den Geheimdiensten überholt und gibt auf.

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          Die politische und kulturelle Bedeutung elektronischer Netze wurde in der Literatur diskutiert, bevor die Technik so weit war – William Gibson schrieb „Neuromancer“ 1984 noch auf einer archaischen Schreibmaschine, Bruce Sterling veröffentlichte 1988 einen Roman über „Inseln im Netz“, als noch niemand auf so einem Atoll wohnen oder gar Geld verdienen konnte. Die jungen Epigonen dieser ersten Generation der literarischen Erschließung rechnender Räume müssen wie alle Spätgeborenen (und spät heißt heute: fünf Minuten nach dem Startschuss) auf den Pionierbonus verzichten, der jeder ästhetischen Avantgarde erlaubt, nicht so genau zu wissen, wovon sie eigentlich redet.

          Die beliebtesten und erfolgreichsten in dieser Nachhut, der 1964 geborene Engländer Charles Stross und der sieben Jahre jüngere Kanadier Cory Doctorow, verbringen deshalb inzwischen mehr Zeit mit der Propaganda ihrer eigenen Verstrickung in empirische Netztatsachen als mit Entwürfen des Kommenden. Der Stammvater Gibson hat das Prophetengeschäft sogar ganz aufgegeben und schreibt nur mehr faktengesättigte Thriller. Doctorow macht sich derweil in Copyrightdiskussionen nützlich, weil ihm die Zukunft des Buches mehr Sorgen bereitet als die Zukunft in Büchern.

          Stross wiederum richtet sich im Mittelfeld zwischen Prophetie und Zweitverwertung des schon Gedachten, aber noch nicht Gemachten ein. In zunehmend von romantischer Ironie durchlöcherten Textlandschaften wie dem Robotermärchen „Saturn’s Children“ (2008) oder der inzwischen sechsbändigen Fantasyreihe für Volkswirtschaftler um die „Merchant Princes“ (seit 2004) erforscht er Szenarien, die es in der Wirklichkeit noch nicht, in den Büchern von Leuten wie Greg Egan oder Terry Pratchett dagegen bereits seit Jahrzehnten gibt.

          Von der Realität überholt

          Klassisch visionär immerhin bleibt sein Einfall, Geschichten über Verbrechen zu erfinden, die noch keine Namen haben. Das Garn, das er aus dieser Idee gesponnen hat, war bislang stets unterhaltsam, wenn auch nicht immer literarisch reißfest; jetzt aber haben Geheimdienstler es ihm durchgebissen. In seinem Blog „Charlie’s Diary“ hat Stross am 9. Dezember eine „öffentliche Bekanntmachung“ lanciert, mit der sich zu den Protesten von Autoren aus aller Welt gegen digitale Schnüffelpraktiken das alte Kampfmittel des Streiks gesellt: Einen weiteren Band seiner Krimis über Untaten, die noch keiner kennt, solle es nicht geben, verkündet Stross, weil selbst sein so hübscher Witz, virtuelle Kundschafter in Computerspielen auftreten zu lassen, inzwischen tatsächliche Geheimdienst-Praxis sei.

          „World of Warcraft“ und „Second Life“ wimmeln von Spitzeln, da will Stross das Albträumen lieber einstellen: „Snowdens Enthüllungen haben alle meine Ideen für einen dritten Band zerschlagen.“ Wenn der Himmel voller Drohnen hängt und alle heiße Luft der Politik gehört, lässt ein Clown mit Standesehre eben keine Ballons mehr steigen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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