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Schwule Flamingos : So lebt es sich nach der Natur

  • -Aktualisiert am

Flamingos neigen auch zur synchronisierten Kollektivperformance. Bild: AP

Polymorph ist nicht pervers: Der Natur nach leben heißt, sich in alle Richtungen entfalten zu können. Warum nicht nur unter Flamingos homosexuelle Paare eine wichtige Rolle spielen.

          Flamingos leben, wenn sie nicht in Zoos oder Parklandschaften sogenannter entwickelter Länder in überschaubaren Gruppen herumstehen, in teilweise riesigen Schwärmen an menschenfernen Orten. Die großen flachen Seen und Lagunen, an denen sie in Afrika, Indien und Südamerika leben, gehören zu den rauhesten Biotopen der Erde. Ihr Salzgehalt ist oft doppelt so hoch wie der von Meerwasser. Nur wenige Lebewesen - Algen und einige kleine Krebse - halten diese ungünstigen Bedingungen aus. Da denen allerdings die Konkurrenz fehlt, wachsen sie zu geradezu verschwenderischen Mengen heran. In einheitlicher Größe und gleichmäßig über den See verteilt. Optimale Bedingungen für Tiere, die diese Beute einfach aus dem Wasser filtern können wie Flamingos.

          Während des Filterfressens plappern sie ausdauernd in tiefen, gänseähnlichen Tönen vor sich hin, was auf Menschen ohrenbetäubend enervierend wirken kann. Weil es unter Flamingos praktisch keine Nahrungskonkurrenz gibt, können sie ihre riesigen Schwärme bilden. Am Lake Magadi in Kenia brüteten in den sechziger Jahren mehr als eine Million Zwergflamingopaare.

          Was bei den je nach Karotingehalt der Algen rosa bis dunkelrot gefärbten Federn der Tiere außerhalb der Balz besonders prächtig ausgesehen haben muss. Flamingos neigen auch zur synchronisierten Kollektivperformance. Mit gestrecktem Hals wiegen sie den Kopf hin und her, salutieren mit kurzem Flügelstrecken, so dass die schwarzen Flugfedern sichtbar werden, um gleich wieder zu verschwinden. Strecken ein Bein mit einem Flügel in den Wind und rennen dann alle dicht an dicht in eine Richtung, um plötzlich abrupt abzudrehen.

          Die Paarungszeit erkennt man, obwohl immer noch in großen Gruppen vorgetragen - es können fünfzig Männchen vor einem Weibchen den Hals recken -, daran, dass die Tiere zurückhaltender werden. Fast unauffällig abseits der Menge vollzieht sich die Partnerwahl, und erst die Vermählten kehren zum Nestbau in die Enge des Schwarms mit bis zu fünf Nestern pro Quadratmeter zurück. Da es schwer war, unter hunderttausend Paaren den Überblick zu behalten, nahm man an, es handele sich um monogame Paare.

          Homosexuelle Adoptionsspezialisten

          Was bei genauerem Hinsehen zwar für die Mehrzahl stimmte, doch es fanden sich auch eine Menge Alternativen. Flamingos legen nur ein Ei. In manchen Nestern lagen aber zwei Eier, die dann auch von zwei Weibchen und einem Männchen bebrütet wurden. Oder zwei Männchen und ein Weibchen pflegten ein Nest mit Küken. Es gab aber auch auffällig große beziehungsweise kleine Nester, manchmal ganz ohne Ei. Das waren gleichgeschlechtliche Paare männlichen wie weiblichen Geschlechts, die merkwürdigerweise später manchmal ein Küken versorgten.

          Auch Pinguine leben polymorph

          Flamingos ernähren ihre Küken mit Kropfmilch, deren Zusammensetzung jener der Säugetiere gleicht und ebenfalls wie bei Menschen durch das Hormon Prolaktin reguliert wird. Bei den Vögeln produzieren allerdings beide Geschlechter Milch, unabhängig davon, ob sie selbst Kinder haben oder nicht. So können Junge, die ihre Eltern verloren haben oder von ihnen verlassen worden sind, was bei unerfahrenen Flamingos häufig vorkommt, relativ leicht adoptiert werden.

          Unter den homosexuellen Paaren können sich manche zu regelrechten Adoptionsspezialisten entwickeln. Mit dem Blick erfahrener Eltern, die gerade kein eigenes Küken im Nest haben, erkennen sie unterversorgte oder verlassene Küken sehr schnell und können sich ihrer annehmen. Das kann dadurch eingeleitet werden, dass sie einem Küken einfach ihren Schnabel hinhalten, damit es trinken kann. Oder es kommt vor, wenn ein Küken schon etwas älter ist und wirr und verlassen zwischen den Nestern herumläuft, dass die „neuen“ Alten es auffordern, ihnen zu folgen und in ihr leeres Nest zu klettern. Was diese verlassenen Küken in der Regel gern tun, aber auch nicht immer. Manche verhungern, ohne der Aufforderung gefolgt zu sein.

          Es gibt keinen Elterninstinkt

          Zwei Dinge sind hier von Bedeutung. Zum einen ist es kein Fehler der Natur, wenn junge, unerfahrene Eltern mit ihren Kindern nicht zurechtkommen; es ist einfach ein Effekt der unzureichenden Erfahrung. Manche Greifvögel zum Beispiel brüten bis zu drei oder vier Mal, bis sie es schaffen, ihr erstes Küken bis zur Flugreife großzuziehen.

          Dass Lernen und Erfahrung bei der Jungenaufzucht eine so große Rolle spielen, ist einer der Gründe, warum die aktuelle Biologie nicht mehr mit Begriffen wie Instinkt und Trieb arbeitet. Instinkt wie Trieb sind viel zu mechanistisch gedacht, als dass sie die Dynamik der Interaktionen zwischen Eltern und Jungen auch nur annäherungsweise beschreiben könnten. Kurz gesagt, auch wenn es sich noch nicht herumgesprochen hat: Es gibt keinen Elterninstinkt, genauso wenig wie es ein generell aggressionshemmendes Kindchenschema gibt.

          Was es aber gibt, das sind bei unterschiedlichen Individuen ganz unterschiedlich ausgebildete Motivationen, sich der Sache mit den Kindern anzunehmen. Motivationen, die sich bei Flamingos unabhängig davon entfalten können, ob ein Individuum das Ei, aus dem das Küken geschlüpft ist, nun selbst gelegt und ausgebrütet hat oder nicht. Eine Tatsache, die man auch bei in Kolonien brütenden Pinguinen, Krähen, Möwen und Seeschwalben findet. Wobei die Erklärungsverrenkungen, die die moderne, im heteronormativen Klima des 19. Jahrhunderts entstandene Biologie veranstaltete, um homosexuelle Flamingopaare bei der Jungenaufzucht zu erklären, eine eigene Geschichte wert wären.

          Bei der Brutpflege und der Aufzucht von Flamingos spielen schwule Tiere eine nicht geringe Rolle

          Da man an einem entlegenen See sich aneinander erfreuende männliche oder weibliche Flamingopaare nicht so leicht als unnatürlich verdammen konnte, wich man auf einen anderen Mangel aus. Sie täten das nur, hieß es, weil sich nicht genug Vögel des anderen Geschlechts zur Wahl anbieten würden. Hätten sie die Möglichkeit, würden sie „natürlich“ das andere Geschlecht wählen.

          Eine Theorie, die in einem gut dokumentierten Fall zu einer der ungezählten Unglücksvermehrungen in der Welt führten, die durch Nichtstun vermieden werden könnten. In einem Zoo hatte man ein gut funktionierendes Paar homosexueller Pinguine getrennt und ihnen lauter Weibchen in den Käfig gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die beiden Getrennten depressiv und immer dünner wurden, bis man sie endlich wieder zusammensetzte und ihrer „Natur“ nach leben ließ. Der Natur nach leben heißt bei zweigeschlechtlichen Lebewesen eben, dass sie sich in alle Richtungen falten und entfalten können. Und nimmt man das dritte Geschlecht, die bei allen, auch bei Flamingos, natürlich vorkommenden Hermaphroditen noch dazu, potenziert sich die Sache noch mal.

          Die Natur ist in diesem Fall polymorph, ohne dabei, wie Freud meinte, „polymorph pervers“ zu sein. Pervers ist nur der Glaube, die Natur folge einem normativen Konzept, was sie schon deshalb nicht tut, weil sie keine Straßenverkehrsordnung kennt.

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