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Peinliche Körperbilder : Ab ins Freibad!

Meine Problemzone, deine Problemzone: Im Freibad ist der Mensch in guter Gesellschaft. Bild: Michael Braunschädel

Das Schwimmbad ist eine therapeutische Anstalt, die nicht dem Gasmangel zum Opfer fallen darf. Hier lernen wir, dem körperlichen Optimierungszwang zu trotzen.

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          Es ist dem Professor Ulrich Voderholzer zu danken, dass er das Schwimmbad als eine unentbehrliche demokratische Ur­institution ins Gespräch gebracht hat. Genauer: als ein gesellschaftliches Therapiebecken, in dem körpernah erfahrbar wird, dass weder Wampen noch Muskelmassen an der Gleichheit der Menschen etwas ändern können. Hier könnten sie lernen, dem körperlichen Optimierungszwang zu trotzen, sich mit ihren Problemzonen als Gleiche zu begreifen.

          Jetzt, da die Stimmen sich mehren, bei knapp werdendem Gas auch an das Schließen von Schwimmbädern zu denken, klingt Voderholzers Stimme wie ein Fanal: unter die Haut gehend, gerade weil hier unmittelbar leibphänomenologisch fürs Offenhalten des Bäderbetriebs argumentiert wird und nicht bloß gesamtgesellschaftlich, wie es etwa die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft tut, wenn sie sich zu Recht besorgt zeigt, mittelbar könne bei Schwimmbadschließungen die Wassersicherheit in Deutschland zu kurz kommen.

          Zu breite Oberschenkel?

          Zum Lebensretter Voderholzer kommen Menschen, die mit dem eigenen Körper unzufrieden sind, ihn als Fremdkörper empfinden, bisweilen bis ins Krankhafte hinein Angst haben, hässlich auszusehen, und sich zumal im Freibad unwohl fühlen, von tausend Augen ausgezogen. Umstellt von vermeintlich lauter wohlgeformten Körpern, für die allein sie Augen haben, denken diese Menschen dann an ihre eigenen für hässlich gehaltenen Stellen, seien es Haut, Haare, Figur, das Gesicht.

          Oft, sagt Voderholzer, beschäftige es die Betroffenen den ganzen Tag lang, körperlich nicht zu genügen. Sie entwerfen sich als Persönlichkeit von ihren Problemzonen her. Noch unter den Dünnsten dächten dort viele, ihre Oberschenkel seien zu breit.

          Verbotene Unbeschwertheit

          Wer wollte sagen, diese Gedanken nicht zu kennen, und sei es vom Schwimmengehen in der Pubertät? Hier, im Freibad, war es, wo uns die Identitätsfrage früh zu Leibe rückte: Wer sieht mich wie an? Was ist mein „zu“? Bin ich zu fett, zu schmächtig, zu länglich, zu kurz geraten? Am schlimmsten, wenn der Eindruck überwog, dass andere sich solche Zu-Fragen gar nicht stellten, dass sie keinen allgemeingültigen Maßstab für ihre Körper zu fürchten schienen, dass sie einfach so am Beckenrand herumlungerten. Neid und Sehnsucht hefteten sich an diese verbotene Unbeschwertheit.

          Was also tun, wenn die vorgestellte Situation derart unerträglich wird, dass man fürchtet, mit seinen gefühlten Fehlbildungen im Schwimmbad als Unmensch zu erscheinen, auf den die anderen zeigen, weil er ihnen das Gas wegnimmt?

          Solchen von den leiblichen Perfektionsidealen labilisierten Menschen könne auf dem Wege einer Konfrontationstherapie geholfen werden, sagt Voderholzer. „Sie sollten“, so erklärt er in einem Interview mit der „Welt“, „die Situation nicht meiden, sondern gezielt schwimmen gehen. Dabei sollten sie sich nicht verhüllen, sondern Badekleidung tragen. Am besten gehen sie gemeinsam mit Freunden ins Schwimmbad oder an den See, denn die geben Bestätigung und ein gutes Gefühl. Meist erfahren die Menschen dann, dass niemand ihren Körper so kritisch beäugt wie sie selbst. Oft ist die Erwartungsangst größer als die eigentliche Angst.“ Erwartungsangst vor Gasmangel? Geht schwimmen!

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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