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Gerichts-Kolumne : Ich war eine lebende Leiche

  • -Aktualisiert am

Nichts als Worte. Der Angeklagte äußert sich vor Gericht nur wenig. Dennoch zeigt er sich geständig. Bild: Burkhard Neie

In Berlin steht ein junger Mann wegen schwerer räuberischer Erpressung vor Gericht. Er zeigt sich wortkarg, aber trifft offenbar den richtigen Ton.

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          Die Welt ist voller Leid. Das wollen wir nicht wissen. Wir wollen unsere Welt behalten, eine mit Gesundheitssystem und Rentenanspruch, eine Welt, in der man auf der Straße lautstark die Absetzung der Regierung fordern kann und dann unbehelligt nach Hause geht. Eine Welt voller Plakate, die den nächsten Urlaub schmackhaft machen oder einen neuen Designerstrohhalm, eine Welt, in der die Kinder Sturzhelme tragen, damit sie sich nicht weh tun.

          Angeklagt ist heute ein junger Mensch, Achmat Z. (Name geändert). Achmat, 28 Jahre alt, ist aus einer fernen, unglaubwürdigen Paralleldimension nach Deutschland gekommen, aus Tschetschenien. Er sagt, er hatte dort Probleme. Er hat hier einen Asylantrag gestellt, seine Duldung wurde bislang immer verlängert. Probleme? Da merkt der Richter auf. Die könnte man ihm ja zugutehalten. Aber Achmat gibt dem Richter wenig auf seine Nachfragen. Probleme, ja, die seien jetzt aber vorbei. Achmat sagt, er will wieder nach Grosny, er sagt, seine Mutter sei krank und brauche Hilfe. Was hat sie denn? Das wisse man nicht so genau, sie habe jetzt oft Kopfschmerzen.

          Kein Schlusswort aus dem Mund des Angeklagten

          Achmat drückt auf keine Tränendrüse, Zerknirschung ist ihm fremd. Er brummelt dem Geschädigten eine Entschuldigung hin, er sagt, die Tat habe ihm leid getan und er hätte die Sachen schon am nächsten Tag wieder zurückgeben wollen. Das Handy hat er trotzdem verkauft. Noch nicht einmal sein Schlusswort nutzt Achmat für herzerwärmende Eigenwerbung, er sagt: Worte! Das seien doch nur Worte. Dass der Geschädigte sich nun nicht mehr traue, S-Bahn zu fahren.

          Möglicherweise kann Achmat Z. die Angst des Geschädigten nicht ganz nachvollziehen, vielleicht hat er in Grosny schon ganz andere Dinge gesehen. Aber das können wir nicht wissen, das können wir nur hineinprojizieren in diesen ernsten jungen Mann, den ein langer brauner Bart ziert, der zumindest die Furcht vor einem Gott nahelegt. Hier ist der Gott weit weg, in der Welt der Urlaubsplakate. Denn auch sie kann eine harte Welt sein. Wenn du nicht zu denen gehörst, zu denen die Plakate sprechen. Wenn du aus Problemen heraus von Grosny nach Deutschland gekommen bist, wenn du hier geduldet und im Heim untergebracht bist. Dann brauchst du wenigstens Geld, um ein paar Drogen zu beschaffen. Dann sind die eben dein Urlaub.

          Drogen hatten großen Einfluss auf die Tat

          Achmat Z. hat am fraglichen Abend zwei Pillen Ecstasy eingeworfen, neben seinem Lyrica. Das habe er vorher nie gemacht. Also, wahrscheinlich, sagt Achmat. Ja, und auch das sind nur Worte. Worte aber sind des Richters Freunde, das Schweigen ist sein Feind.

          Er wird sie gnädig entgegennehmen: Lyrica und Ecstasy, wird er sagen, da sei eine Wechselwirkung nicht auszuschließen, die würde auch ein Sachverständiger nicht ausschließen. Achmat Z. jedenfalls macht die Auswirkungen erlebbar: Die beiden Bekannten, die ihn begleiteten, kann er nicht namhaft machen. Überhaupt ist sein Gedächtnis nicht gut. Was er aber tat an jenem 4. November 2016, sagt Achmat Z., hätte er ohne Drogen niemals getan.

          Täter bedrohten Opfer in der leeren S-Bahn

          Es war mitten in der Nacht, der neunzehnjährige Restaurantfachmann Mustafa K. (Name geändert) wollte nach getaner Arbeit zu seiner Freundin fahren, in der S 25, die auf einem weniger genutzten Arm des S-Bahn-Systems dem abgelegenen Teltow entgegenzuckelte. Er belegte einen Vierersitzplatz für sich, der Waggon war fast leer. Schräg hinter ihm saßen noch drei Männer. Nach der Haltestelle Priesterweg waren sie auf einmal um ihn herum: Zwei ließen sich direkt gegenüber nieder. Achmat Z. setzte sich neben ihn. Er legte den Arm auf die Lehne hinter seinem Rücken. Und er kam nicht, um von seiner kranken Mutter zu erzählen.

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