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Schweizer Volkskultur : Tiefer ins Herz als die Nationalhymne

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Wichtigstes Accessoire beim Schwingen ist die Schwingerhose, an der der Gegner gelupft wird und mittels Hüfter oder Wyberhaagge auf das Sägemehlrund praktiziert wird. Bild: dpa

Im Hochsommer frönen die Schweizer ihrer alpinen Kultur. „Schwingen“ ist angesagt – und die „Lyoba“, ein einst verbotener Kuhreigen, wird von Mensch und Tier vertont.

          Im Hochsommer frönen die Schweizer ihrer Volkskultur. „Schwingen“, ein alpines Ringen in kurzen Hosen, ist angesagt. Das „Hornussen“ findet auf den gemähten Feldern statt. Auch das Stoßen des „Unspunnensteins“ (83,5 Kilo) ist ein festlicher Wettstreit für starke Männer. Und alle Vierteljahrhunderte findet seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Vevey am Genfer See die „Fête des Vignerons“ statt, ein Fest der Weinbauern, die ihre Arbeit loben und ihre Besten auszeichnen.

          Tausende von Statisten treten auf. Ihr Kostüm bezahlen sie selbst, eine allfällige finanzielle Beteiligung der organisierenden Winzer hängt vom Aufmarsch der Zuschauer ab und damit – wie der Weinbau – auch vom Wetter. Es ist ein Volksfest aus dem Geiste Rousseaus, der eine Zeitlang in Vevey lebte, und es wurde ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen.

          „Männer der Milch“

          In diesem Jahr hat man auf dem Marktplatz der Kleinstadt, in der Nestlé zu Hause ist, eine Arena gebaut, die zwanzigtausend Besuchern Platz bietet. Bis zum elften August gibt es Aufführungen, drei Stunden dauern sie. Die Inszenierung hält sich an den Zyklus der Rebe. Ihren Höhepunkt erreicht sie, wenn sich die Sennen von der Alp zu den Winzern im Tal gesellen.

          Die „Armaillis“, die „Männer der Milch“, ziehen mit Kühen und Ziegen in die Arena ein. Ihr Gesang, der „Ranz de Vaches“, ist ein Kuhreigen: „Lyoba por aria!“– Kühe kommt zum Melken. Liszt, Rossini, Berlioz haben die Melodie übernommen. Rousseau schrieb über den „Ranz des Vaches“. Er hat den Begriff des Heimwehs hervorgebracht, im siebzehnten Jahrhundert wurde Heimweh vom Arzt Johannes Hofer als „Schweizerkrankheit“ diagnostiziert.

          Den eidgenössischen „Reisläufern“ – als Soldaten im Sold fremder Länder – war es in der französischen Armee verboten, die „Lyoba“ zu singen. Bei Schlachten drohte die Todesstrafe: Die Töne, die in den Alpen die Kühe erweichen, lösten bei den Söldnern Heimweh aus. Sie desertierten. Die Schweizer Neutralität geht auf Kriege zurück, in denen sich Eidgenossen gegenseitig abschlachteten.

          Eine geradezu „liturgische Dimension“

          Als Begriff ist „Lyoba“ den alemannischen und romanischen Alpendialekten gemein. Im ganzen zwanzigsten Jahrhundert wurde sie am Winzerfest von einem Solisten gesungen. Diesmal ist es ein Kollektiv, das sie anstimmt. Eine geradezu „liturgische Dimension“ bescheinigt das Programm der Hymne auf die Erde und die Natur. Käse haben die Sennen von der Alp den Weinbauern und dem Volk mitgebracht.

          Von vier Bühnen schwillt der Gesang an, er geht den Schweizern tiefer ins Herz als die Nationalhymne. Wohl vierzig oder noch mehr Kühe sind in der Arena. Bei ihrem feierlichen Abgang fahren gleich mehrere vollautomatische Putzmaschinen hinterher. Die mythische Schweiz bleibt sauber und ihren Werten hartnäckig treu. Eine Frau als Sängerin der „Lyoba“ haben die Männer des Weins dem Regisseur verboten: Sie wollten keine „Transgression der Tradition“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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