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Hannes Hintermeier (hhm)

Schweizer Produktion : Landesfahrrad

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf.

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          Die Schweiz war einmal das „Geburtsland der Sauberkeit“ (Ephraim Kishon), heute ist sie der bevorzugte Aufenthaltsort des High-End-Gedankens. Wenn man schon etwas kauft, dann gleich das Richtige und also das Solideste und Beste. Und das kommt naturgemäß aus der Schweiz selbst. Höhere Preise quittiert der Schweizer mit einem Achselzucken, erst wenn der Preisunterschied ihm gar keine Möglichkeit mehr lässt, schlüpft er neuerdings im Schutz der Dämmerung über die Grenze ins Sauschwäbische und kauft eine Limousine deutscher Provenienz, eine neue Küche oder Windeln. Aber doch nicht für die Armee!

          Da muss es Inland sein, wenn man vom Kampfflugzeug Gripen absieht, das der schwedische Saab-Konzern baut, und um dessen Anschaffung es seit Jahren hoch hergeht. Schon beim Taschenmesser (schweizerisch: Sackmesser) für die Soldaten konnte es nur einen Sieger geben - und Victorinox wurde es dann auch. Ähnlich national bedeutsam die Vergabepraxis bei dem Beschaffungsposten Militärvelo.

          Ohne Rad geht es nicht

          Korpsgeist und Leistungsbereitschaft der radelnden Truppe waren legendär, nach ihrer Auflösung 2004 wurden die Velosoldaten gar eine popkulturelle Ikone, die bleischweren Räder ein Sammelobjekt. Aber ohne Rad geht es auch in der Armee des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht; mehrtätige Manöver, Durchhalteübungen genannt, sind ohne Radmärsche nicht komplett. Gesagt, ausgeschrieben und zugeschlagen: 2800 neue Fahrräder, Stückpreis 2500 Franken (rund 2000 Euro) werden inklusive eines zehnjährigen Wartungsvertrags für 10,2 Millionen Franken (8,5 Millionen Euro) bestellt. Vorbei an der sicherheitspolitischen Kommission des Landes?

          Den Verdacht schürte ein Nationalrat. Alles ganz korrekt aus dem Budget für Ausrüstung und Erneuerungsbedarf, kontert das Beschaffungsamt. Wie gut das neue Velo mit der Bezeichnung „Fahrrad 12“ wirklich ist, kann derzeit angeblich nur einer sagen, der Verteidigungsminister selbst, der als ehemaliger Velo-Kommandant nur einen Mangel festgestellt haben will - der Sattel sauge sich bei Nässe voll. Lieferant Simpel ist ein junges Unternehmen, aber preislich schon auf schweizer Nationalstolzniveau. Die Konkurrenz, immerhin rund dreißig Hersteller, sät Häme: zu simpel. Und verschweigt den Globalisierungskern der Geschichte. Wenn nicht alles täuscht, kommt der Sattel aus Italien, und den Rahmen lässt Simpel dort bauen, wo die ganze Welt bestellt: in Taiwan.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

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