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Schweizer Planspiele : Eine Form geistiger Kriegsführung

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Die Schweizer Armee probt den Ernstfall und bereitet sich auf den Zerfall Frankreichs vor, um Schweizer Nummernkonten vor dem Zugriff gieriger französischer Sezessionisten zu schützen.

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          Die Schweizer unterhalten bekanntlich eine Milizarmee: jeder Bürger ein Soldat im Dienste der Landesverteidigung. Der Mythos geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als man, von Feinden umzingelt, im Fall eines deutschen Angriffs das „Réduit“ der Schweiz – die Geröllhalden und unterirdischen Bunker im Alpenraum – verteidigt hätte. Dieses Selbstverständnis überlebte das Jahr 1945.

          Die Armee sorgte für den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen, ihre Offiziere machten Karriere in Wirtschaft und Politik. Im Herbst 1989 feierte die Schweiz als einziges Land der Welt den Ausbruch des Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor und ihre legendäre Mobilmachung. Die Wiedervereinigung brachte den Mythos vorübergehend ins Wanken: Wozu braucht es im friedlich vereinten Europa eine helvetische Armee? Seit Peer Steinbrück die Kavallerie – die in der Schweiz selber den Reformen zum Opfer fiel – ins Réduit schicken wollte, fühlt sie sich weniger überflüssig. Der zuständige Minister in Bern erklärte sie zur besten der Welt.

          Für den Fall, dass Frankreich zerfällt

          Die fehlende militärische Bedrohung wurde durch den Wirtschaftskrieg der Neidischen ersetzt, den die Welt der Schweiz erklärt habe. Begonnen hatte er mit der Forderung nach der Rückerstattung der nachrichtenlosen Vermögen der Juden aus dem Krieg. Das war nur der Auftakt. Jetzt geht es um das Bankgeheimnis, den Franken schlechthin und die Milliarden der Steuerhinterziehung. Der veränderten geopolitischen Weltlage haben sich die Strategen anpassen müssen. Während ihrer Manöver wird stets der aktuelle Ernstfall geprobt. Im vergangenen Jahr waren das Ende des Euros, das soziale Chaos in Europa und die Masseneinwanderung Thema eidgenössischer Kriegsbereitschaft.

          Jetzt wurde beim Schrecken zugelegt: Die Sozialisten haben Frankreich ruiniert, es zerfällt in verschiedene Teile. An der Grenze zur Schweiz hat sich die Provinz „Saônia“ gebildet. Ihre Truppen fallen im Westen ein, um die Tresore zu plündern. Diesen Ernstfall, mit dem der gescheiterte Kanzlerkandidat gedroht hatte, wie den Einfall Hitlers im Krieg zu verhindern, ist das Amt der Armee. Ihre Manöver zur Abschreckung sind eine Form von geistiger Kriegsführung. Sie muss die Nachbarn brüskieren. Innenpolitisch ist sie erfolgreich: Vor einer Woche haben drei Viertel der Schweizer die Beibehaltung der obligatorischen Dienstpflicht beschlossen. Der Mythos lebt schon wieder.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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