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Schweizer Kultureifer : Backpulver

  • -Aktualisiert am

Der staatstragenden Kultur geht üblicherweise ein mühsames politisches Gerangel um ihre Finanzierung voraus. Die Schweiz überrascht nun mit einem besonderen politischen Kunststück.

          Kulturpolitik geht in der Regel so: Es gibt einen Kuchen, um den ein Verteilungskampf aller gegen alle tobt. Und weil alle etwas bekommen, fallen die Stücke meist eher klein aus. Manchmal sind es nur noch Brosamen. Diese Form der Vergabe wird auch Gießkannenprinzip genannt. Seine Verbreitung ist nicht zuletzt Ausdruck einer gewissen Ohnmacht: Die Sachzwänge sind stärker als der Wille zur Gestaltung, für Prioritäten bleibt wenig Raum.

          Aber vielleicht ist dasA gar nicht so schlecht, denn auch in der Kulturpolitik sind globale Visionen in Verruf geraten. Manchmal wäre man schon froh, wenn es zur Orientierung - und Verteilung! - sinnvolle Leitlinien gäbe. In der Schweiz mit ihrem Föderalismus auf allen Ebenen und der direkten Demokratie sind diese Defizite ganz besonders auffällig. Jede Minderheit, jede Gattung, jede Region muss berücksichtigt, der Kulturaustausch gefördert werden. Und auch unter den Kulturschaffenden, so europafreundlich sie sein mögen, ist das Misstrauen gegenüber dem Staat ausgeprägter als anderswo; er ist nur für einen kleinen Teil der Finanzierung verantwortlich.

          Ein Prozent für die Kultur!

          Genau 637,9 Millionen Franken (um die 520 Millionen Euro) wollte die Regierung in den kommenden drei Jahren jeweils für Kultur ausgeben. Das entsprach ihrem Budgetplan. Doch sie hatte die Rechnung ohne die Parlamentarier gemacht. Die erreichten, dass zum Beispiel die Beiträge für das Alpine Museum wie für das Museum des Sports erhöht wurden. Weniger generös waren sie mit Pro Helvetia, der Kultureinrichtung, die das größte Stück des Kuchens bekommt: Eine Aufstockung ihres Etats wurde abgelehnt. Die Filmförderung hingegen, die zweite große Aufgabe des Staats, darf zusätzliche zehn Millionen verbuchen.

          Vor allem grüne und linke Abgeordnete taten sich mit großzügigen Vorschlägen hervor. Jean-François Steiert verpackte in eine dieser sehr pragmatischen Einzelforderungen eine wirklich politische Vorstellung: ein Prozent für die Kultur! Und er meint damit nicht die französische Variante vom Anteil der Kultur am Staatshaushalt. Steiert will ein Prozent des Bruttosozialprodukts: „Da sind wir noch nicht einmal bei der Hälfte“, wie auch immer er das ausgerechnet haben mag. Doch für die Kultur war die eher dröge Debatte unter Krämern keineswegs unergiebig: Mit einem Schuss Utopie wirkte sie wie Backpulver. Gestrichen wurde rein gar nichts. Es durfte durchaus ein bisschen mehr sein: 690 Millionen. Genau so geht das helvetische Erfolgsrezept: Der Kuchen ist nicht groß, aber größer.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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