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Schweizer „Ecopop“-Bewegung : Hausgemachte Babys, aber nicht zu viele!

Gegen den „Dichtestress“: Die Zuwanderung wurde in der Schweiz bereits beschränkt, bald auch die Geburten? Bild: dpa

Nachdem im Frühjahr per Volksentscheid bereits die Zuwanderung beschränkt wurde, will die „Ecopop“-Bewegung noch ein Stück weitergehen. Gibt es in der Schweiz bald Geburtenkontrollen? Im November wird abgestimmt.

          Im vergangenen Februar haben die Schweizer per Volksabstimmung einen Stopp der „Masseneinwanderung“ beschlossen. Jetzt sollen sie auch der Übervölkerung einen Riegel schieben - zu Hause und in der „Dritten Welt“. Dieses Ziel verfolgt die „Ecopop“-Bewegung. Sie will das demographische Wachstum auf 0,2 Prozent beschränken, das wären bei gegenwärtig rund acht Millionen Einwohnern 16.000 Menschen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Und sie verlangt, dass die schweizerische Entwicklungshilfe zehn Prozent ihrer Mittel auf die Geburtenregelung konzentriert. Mehr als hunderttausend Eidgenossen haben den Text der Initiative unterschrieben und erreicht, dass es im November zur Volksabstimmung kommen wird.

          Ursprünge in den Siebzigern

          Allerdings wird in der Westschweiz über einen Text abgestimmt, der zu noch radikaleren Folgen führen würde. Aufgefallen sind die Unstimmigkeiten in der Übersetzung des Aufrufs dem Demographen Jacques Menthonnex, der auf Grund der französischen Version eine Hochrechnung angestellt und in der kleinen Zeitschrift „domaine public“ veröffentlicht hat. Nicht um 16.000, sondern lediglich um 35 Personen dürfte die Bevölkerung laut der französischen Fassung jährlich wachsen.

          Dieser maximal tolerierte Überschuss würde wegen der Überalterung schnell in ein Defizit umschlagen. Ein negatives Wachstum bleibt auch bei einer Multiplikation mit dem ominösen Faktor 0,2 negativ - Menthonnex höhnt: „Sobald es in der Schweiz mehr Todesfälle als Geburten gibt, muss sie entleert werden“, „Ecopop“ werde die Schweiz zwingen, sich selbst aufzulösen.

          Die Bewegung (die Abkürzung steht für „Economie et population“, Ökonomie und Bevölkerung) entstand, als der Club of Rome mit seinen Thesen zu den „Grenzen des Wachstums“ die Welt erschütterte. In den siebziger Jahren ging es ihr um die „Unterordnung der wirtschaftlichen Zielsetzung unter die Postulate des Umwelt- und Menschenschutzes“. Der grüne Schweizer Abgeordnete Balthasar Glättli widmet der Bewegung, ihrer Geschichte und Ideologie das gerade erschienene Buch „Die unheimlichen Ökologen“ (Rotpunktverlag).

          Radikalere Fortsetzung der Einwanderungsbeschränkung

          Auch Jean Ziegler und der Umweltschützer Franz Weber, der kürzlich per Volksabstimmung den Stopp des Baus von Ferienwohnungen mit ihren „kalten Betten“ durchzusetzen vermochte, waren damals dabei. Intellektuelle und prominente linke Politiker unterstützten die Bewegung. Bei „Ecopop“ engagierten sich allerdings auch die Pioniere einer aufstrebenden fremdenfeindlichen Rechten, der „Nationalen Aktion für Volk und Heimat“.

          „Ecopop“ will ein Eigenheim am Waldrand für jeden Schweizer. Blick auf die Stadt Andermatt

          Die Ölkrise der siebziger Jahre versetzte die Organisation in eine Art „Dämmerzustand“ (Glättli). Die rechtsextremen Tendenzen und Gruppierungen fanden in der Schweizerischen Volkspartei eine neue Heimat. Die SVP hieß damals noch „Bauern- und Bürgerpartei“ und wurde erst von Christoph Blocher nach dem Fall der Berliner Mauer in den Kulturkampf um die bodenständige, unschuldige, von Feinden umzingelte Schweiz und gegen Europa und die Einwanderung geführt.

          Sie hat mit der Abstimmung zur Masseneinwanderung im vergangenen Februar einen ihrer größten Triumphe gefeiert. Das Votum zielte auf die Nachbarländer, auf die Einwanderer und Grenzgänger aus Deutschland, Frankreich, Italien. Begründet wurde es mit dem „Dichtestress“ der Eidgenossen, den vollen Zügen und verstopften Straßen. Es war gewissermaßen eine „Vorabstimmung“ - mit „Ecopop“ wird alles noch radikaler.

          „Braune Grüne“

          Für die sprachlichen Fehler der Übersetzung ist die eidgenössische Verwaltung verantwortlich. Die Anhänger der Ökopop-Initiative verniedlichen die verfassungsrechtlichen Probleme als Haarspalterei: Es geht um die Stoßrichtung. So argumentiert der einflussreiche langjährige Präsident des schweizerischen WWF, Philippe Roch. Für die Gegner wiederum ist die „surrealistische Übersetzung“ (Menthonnex) symptomatisch für den Irrsinn, der „Ecopop“ umtreibt: Noch lieber würden ihre Anhänger die Umwelt wohl mit der Atombombe schützen, so wie ihr französischer Wahlverwandter Jean-Marie Le Pen zur Bekämpfung der Einwanderung „Monseigneur Ebola“ um Beistand ersucht habe.

          Doch die als „Birkenstock-Rassisten“ und „braune Grüne“ beschimpften „unheimlichen Ökologen“ schlagen zurück. Sie werfen ihrem Genossen Glättli „Verlogenheit“ vor. Für den emeritierten ETH-Professor und Geographen Dieter Steiner ist das „Ecopop“-Programm weitgehend mit der 1992 auf der Umweltkonferenz von Rio beschlossenen „Agenda 21“ der Vereinten Nationen identisch. „Wir wollen niemandem das Kinderkriegen verbieten“, beschwichtigt der Ingenieur Andreas Thommen, den die Zeitschrift „Weltwoche“ als „Chefdenker“ porträtiert hat: „Die meisten Leute kommen in die Schweiz, weil sie sich einen höheren Wohlstand erhoffen.Das führt zu mehr Konsum und belastet die Umwelt.“

          Er glaubt an einen Sieg: „50,8 Prozent. Es wird knapp, aber wir können die Leute überzeugen.“ Alle Schweizer, wünscht Thommen, sollten wie er leben können: im Eigenheim am Waldrand. Dem Reporter schenkt er zwei Bio-Äpfel: „Ungespritzt und natürlich. Optisch nicht besonders schön, dafür geschmacklich umso besser. Schließlich kommt es auf den Inhalt an.“

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