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Schweiz : Kuhschweizer und Sauschwabe

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Endlich werden die Schweizer von den Deutschen beachtet, aber auch nicht in der erwünschten Form Bild: ZB

Erst hat der deutsche Finanzminister sich im Ton vergriffen, dann hat der schweizerische Verteidigungsminister die Automarke gewechselt. Beide verhalten sich landestypisch. Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer erklärt den unüberwindbaren Kulturunterschied zwischen den Nachbarländern.

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          Nie hat sich in den letzten fünfzig oder hundert Jahren ein einziger Deutscher um die Schweiz gekümmert. Die Schweiz kam - bis vor wenigen Wochen - im deutschen Denken einfach nicht vor, und wenn, dann als jenes putzige Land im Süden, halbwegs auf dem Weg nach Italien, wo knorrige Zwerge ein gutturales Schrumpfdeutsch sprechen und nicht wie die Erwachsenen Euro, sondern Fränkli sagen. Ja, und Ski fahren kann man da auch und wandern. Überhaupt ein ganz schönes Land: Sils-Maria und Ascona. Dass die Schweiz ökonomische und soziale Probleme oder gar eine Politik haben könnte, geriet kein einziges Mal ins Radar der deutschen Aufmerksamkeit. Keine Statistik, wie sie etwa der "Spiegel" in jeder Nummer zeigt und in der sogar Rumänien oder Lettland auftauchen, nennt Daten aus der Schweiz. Das hat natürlich mit der EU zu tun, außerhalb der EU gibt es keine Statistik.

          Dieses Niemand-Sein in der großen Welt gefällt uns (ich spreche in diesen Zeilen ausnahmsweise einmal als Schweizer) eigentlich ganz gut, und es kränkt uns entsetzlich. Wir sind keine putzigen Zwerge! Wir können alle bis zehn zählen, und wir sind nur in den wenigsten Fällen Bewohner von Alpenstadeln. Die meisten von uns leben im Flachen und sind urbane Menschen. Es rührt uns also durchaus, dass uns jene Deutschen lieben, die uns wahrnehmen. Ja, wir haben zuweilen den erschrockenen Verdacht, dass die Deutschen die Einzigen weltweit sind, die uns ohne Vorbehalte mögen. Dass wir die Deutschen dennoch nur zögerlich zurücklieben, hängt immer noch mit Adolf Hitler zusammen und mit Kaiser Wilhelm zwo. Es ist eine lange Geschichte. Vor 1914 brüllten auch wir ganz ungehemmt hurra. Zum mindesten wir Deutschschweizer.

          Eine verdatterte Nation

          Jetzt also das! Plötzlich wendet sich die deutsche Politik uns Schweizern zu - und in Formen, die bei uns nur im Dialekt üblich sind. Herr Steinbrück, unser neues rotes Tuch, vergleicht uns mit Indianern! Wir sind völlig verdattert, hauptsächlich unser Parlament und auch der Bundesrat (also unsere Minister, der Bundespräsident allen voran). So hat noch nie jemand aus Deutschland mit ihnen gesprochen, weil - alles in allem - überhaupt noch nie ein Deutscher zu ihnen gesprochen hat. Wir verbitten uns diesen Ton, und wir keilen zurück. Grober Klotz, grober Keil, logisch. Ein Parlamentarier vergleicht also den Sozi Steinbrück mit den Nazis und sagt dann, als er auch bei uns nicht überall Verständnis für seine Wortwahl findet, er habe ja gar nicht Nazi gesagt, sondern „gewisse Deutsche vor fünfzig Jahren“. 2009 minus 50 gleich 1949, quod erat demonstrandum. Man kann auch sagen, rechnen kann der Mann auch nicht.

          „Wir sind keine putzigen Zwerge”: der Schriftsteller Urs Widmer

          Es handelt sich um einen Kulturunterschied. Mir, der ich mit vielen deutschen Wassern gewaschen bin, kommt Herr Steinbrück völlig vertraut vor, wie der alltägliche deutsche Kunde, der in die Bäckerei kommt und sagt: „Ich krieg' das Brot da.“ Natürlich kriegt er's , zahlt und geht. So ein Vorgang ist für einen Schweizer unvorstellbar, und wer ihn zum ersten Mal erlebt, steht noch stundenlang unter Schock. Wir sagen, wenn wir eine Bäckerei betreten und ein Brot kaufen wollen: „Könnte ich vielleicht so ein Brot wie das dort kriegen, wenn's recht ist, bitte?“ Dann kriegen wir's auch und zahlen noch mehr als der Deutsche in Deutschland, der inzwischen längst auch beim Schlachter eine Wurst und beim Gemüsehändler ein Kilo Kartoffeln gekriegt und seinen ganzen Einkauf hinter sich hat.

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