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Schwarzseher Houellebecq : Unser aller Homer

  • -Aktualisiert am

Raus aus der EU, Le Pen an die Spitze: Als Ökonom hat Houellebecq eine klare Position. Bild: AFP

Michel Houellebecq prophezeit seinem Land eine schlechte Zeit. Wann aber erscheint endlich sein nächstes Buch?

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          Michel Houellebecq hat leider noch immer keinen neuen Roman geschrieben. Gleichwohl steht Frankreichs „Rentrée littéraire“ ganz in seinem Banne. Ein Sänger geht mit Vertonungen seiner Gedichte auf Tournee. Arte zeigte gerade den Film über seine „Entführung“, die den Literaturbetrieb 2011 in einen Zustand höchster Erregung versetzt hatte. Der Schriftsteller spielt darin seine eigene Rolle. In jener des „ökonomischen Visionärs“ sieht ihn nun auch der Wirtschaftsjournalist Bernard Maris, der ihm den Essay „Houellebecq économiste“ (Flammarion) gewidmet hat.

          „Die Welt als Supermarkt“ hat der Schriftsteller die Sammlung seiner theoretischen Einwürfe überschrieben. Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ ist für Maris mehr als ein Liebesroman: „Eine subtile Analyse der Arbeit, der Kunst, des kreativen Schaffens, des Werts, der industriellen Entwicklung und des Fortschritts“. Die „Elementarteilchen“ erschlössen das Zeitalter des Individualismus und des Konsum, „Die Möglichkeit einer Insel“ sei das beste Porträt der postkapitalistischen Gesellschaft.

          Düstere Prophezeiungen

          „Die Ausweitung der Kampfzone“ über die Sexualität in der Marktwirtschaft bezeichnet Maris als Meisterwerk über die „Ideologie der Konkurrenz“, als deren „Homer“ er Houellebecq zelebriert. Unterdessen ließ das Nachrichtenmagazin „Le Point“ den Poeten Houellebecq die Rolle eines Ministers einnehmen. „Moi, ministre“ war das lange Interview mit ihm in der vergangenen Woche überschrieben. Er würde aus der EU austreten und den gesamten Industriebereich, „in dem wir schwach sind“, aufgeben, erklärte der visionäre Ökonom. Und kritisierte das Konkurrenzdenken und den Kult der Produktivität: „Sie verhindern die Integration der Dummköpfe, deren Zahl unvorstellbar groß ist.“

          Als das Interview geführt wurde, dachte noch kein Mensch an die Umbildung der französischen Regierung, die Houellebecq erleben und auch im staatlichen Rundfunk begleiten durfte. Dem Präsidenten Hollande riet er, die schwarze Justizministerin Christine Taubira im Amt zu belassen: „Sie ist die beste Garantin für den weiteren Aufstieg des Front National, und darum geht es.“ Houellebecq oder Hollande? Wohl nur noch der liebe Gott kann Frankreich, dem gegenwärtig rein gar nichts erspart bleibt, vor den Prophezeiungen seines weltweit bekanntesten Avantgardisten verschonen. Wir Leser freuen uns derweil auf Houellebecqs nächsten Roman.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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