https://www.faz.net/-gqz-8y40i

Schwarze Schauspieler : Wer hat Angst?

Wer auf der Bühne stehen darf, entscheiden nicht allein die Regisseure. Bild: dpa

Ein schwarzer Schauspieler als Nick in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“? Der Nachlassverwalter des Dramatikers Edward Albee hat das einem Theater in Oregon verboten.

          2 Min.

          Als Bettina Hoppe 2011 am Frankfurter Schauspiel in die Rolle des Hamlet schlüpfte, erregte das immer noch Aufsehen, obwohl Asta Nielsen schon neunzig Jahre früher den Dänenprinzen auf der Kinoleinwand gespielt hatte – mutmaßlich schon damals nicht als erste Frau. Das Theater ist eine Traummaschine, gerade weil es der Phantasie der Zuschauer weniger Raum lässt als die Literatur ihren Lesern. Dieses Weniger an Eigenbeteiligung des Publikums wird kompensiert durch die Arbeit des Ensembles an der Inszenierung, die sich Freiheiten gegenüber einem Stück nehmen kann, die nicht immer erfreulich sind, aber dazu beitragen, dass auch der zehnte „Hamlet“ wie neu erscheint. Oder die zehnte Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

          Uraufgeführt 1962, ist Edward Albees amerikanisches Drama neben Samuel Becketts „Warten auf Godot“ der Theaterklassiker aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, inszeniert auf Tausenden von Bühnen weltweit. Im Gegensatz zu Shakespeare, dessen Zeit vom Copyright nichts wusste, bestand Albee auf höchstpersönlicher Autorisierung jeder Inszenierung seiner Werke, bis hin zur Schauspielerauswahl. Nach seinem Tod vor einem Dreivierteljahr obliegt diese Genehmigung nun Albees Nachlassverwaltung, und die hat in der vergangenen Woche ihre Zustimmung zu einer Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in Portland, Oregon verweigert, weil darin ein schwarzer Schauspieler die Rolle des jungen Biologieprofessors Nick hätte spielen sollen.

          Hat da jemand Angst vorm schwarzen Mann? Zur Erinnerung: Albees Vierpersonenstück spielt an einer Eliteuniversität in Neuengland und konfrontiert das reife Professorenehepaar George und Martha mit dem nächtlichen Besuch eines jüngeren Paars – Nick und Honey –, in dessen Verlauf alle Lebenslügen und Verletzungen der Beteiligten auf den Tisch kommen. Weil es sich bei dem Drama, so Albee, um ein „vollkommen naturalistisches Stück“ handele, äußerte er zu Lebzeiten Bedenken gegenüber der Besetzung von Martha mit einer schwarzen Schauspielerin, weil seine Figur als Tochter eines neuenglischen Universitätspräsidenten im Jahr 1962 mit Sicherheit weiß gewesen wäre. Aber abgesehen davon, dass Albee doch einmal seine Zustimmung zur Besetzung von Martha mit einer Schwarzen gegeben hat – 2002, ausgerechnet für ein Festival in Oregon –, ist das Theater nicht auf dauerhaften Naturalismus zu verpflichten. Bliebe „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ auf ewig dem Jahr 1962 verhaftet, hätte es uns schon heute so wenig zu sagen wie ein „Macbeth“, der konsequent nur historisch korrekt im elften Jahrhundert spielte oder wie zur Entstehungszeit des Stücks als Lady Macbeth stets einen Mann aufböte. Die besten Dramen sind jene, die uns nahe gehen. Seelisch, aber auch zeitlich. Schwarze Professoren gibt es heute selbst an neuenglischen Eliteuniversitäten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Nerven wie Haarteile

          Serie „Ratched“ bei Netflix : Nerven wie Haarteile

          Eine Hochstaplerin schleicht sich in eine psychiatrische Klinik – und in den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“. Netflix erzählt die Geschichte der Mildred Ratched, aber völlig überproduziert.

          Es bewegt sich doch

          TV-Ausfallfonds : Es bewegt sich doch

          Mit gutem Beispiel hinterhergehen: Endlich verhandeln Bundesländer, Sender und Plattformbetreiber direkt über TV-Ausfallfonds für deutsche Fernsehproduktionen. Andere Länder sind da weiter.

          Topmeldungen

          Auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Krise: Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), Markus Söder (CSU) und Tobias Hans (hinten rechts), neben Hans: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

          Corona-Pandemie : Jetzt ist entschlossenes Handeln gefragt

          Womöglich stehen wir vor einer neuen exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus. Die Vorzeichen sind ganz anders als im Frühjahr – doch auch für eine lokale Eindämmung der Pandemie müssen die Ministerpräsidenten jetzt eine gemeinsame Linie finden.
          Wie auf dem Markt in Ashdod bereiten sich Israelis überall im Land auf die Ausgangsbeschränkung vor.

          Landesweiter Lockdown : Israels selbstverschuldetes Corona-Neujahrschaos

          Trotz einer der höchsten Neuinfektionsraten der Welt offenbart das Krisenmanagement in Israel große Mängel. Noch kurz vor dem Beginn des Lockdowns ändert Israels Regierung manche Regeln. Und Netanjahus eigener Corona-Beauftragter äußert scharfe Kritik.
          Der emeritierte Monarch Juan Carlos.

          Geliebte des Königs klagt an : Der König wird zum Opfer erklärt

          Die ehemalige Geliebte des spanischen Königs Juan Carlos bezichtigt die spanische Königsfamilie eines „Staatsstreichs“. Für Sayn-Wittgenstein-Sayn ist der emeritierte Monarch das „Opfer“ seiner Ehefrau Sofía und des früheren spanischen Ministerpräsidenten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.