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Schwarze Models : Nieder mit dem Elfenregime

  • -Aktualisiert am

Bekanntestes schwarzes Model: Naomi Campbell Bild: AP

Die pure Kraft der Trümmerfrauen: Mit schwarzen Models und kunsthistorischen Anspielungen tritt die italienische „Vogue“ gegen die Harmlosigkeit des Frauenbilds der Modeindustrie und ihren fundamentalen Rassismus an.

          5 Min.

          Die außerhalb des Landes nur von Modeinsidern wahrgenommene italienische „Vogue“ hat ihre Juli-Ausgabe nachdrucken müssen: In England und den Vereinigten Staaten stehen die Kioske kopf. Man reißt sich um die Hochglanzzeitschrift, auch wenn die Leser von den Textbeiträgen kein Wort verstehen mögen. Der Grund ist ein „Black Issue“, die ungewöhnliche Entscheidung des Condé-Nast-Verlags, Mode ausschließlich an schwarzen Models zu zeigen.

          Ein Soloheft ist diese „Vogue“ auch für den renommierten Modefotografen Steven Meisel, der alle Geschichten betreute. Er und Chefredakteurin Franca Sozzani begnügten sich nicht damit, in gewohnter Weise verschiedene Frauentypen anzusprechen, sie machten das ganze Heft zum Pamphlet für einen Typus, den es so in der kollektiven Phantasie noch nicht gab. Ihre Models, allen voran Naomi Campbell, treten als weibliche Inkarnationen des Ghetto-Fabulous-Trends auf, der um die letzte Jahrhundertwende die Modegemüter bewegte und mit der hemmungslosen Vorliebe der Hip-Hop-Gemeinde für Luxus und Glitzer verbunden war.

          Gefährlichkeit wie bei Newton

          Doch alles ostentativ Neureiche ist aus der italienischen Vorstellung gelöscht. „Vogue“ injiziert den Damen die Grandezza der fünfziger Jahre, jenes vorläufig letzten Aufbäumens der Haute Couture, die nun überraschend ihre Wiederkehr feiert. Und sie verleiht ihnen jene Gefährlichkeit, die mit Helmut Newton in die Fotografie kam und zu der ihn nur nordisch weiße Models inspirieren konnten.

          Meist ist das gelegentliche schwarze Model in der Mode nichts als ein Statement zur politischen Korrektheit

          An Anspielungen ist kein Mangel, wenn Steven Meisel Naomi Campbell im üppigen Interieur eines südlichen Landhauses fotografiert. Überwältigend sinnlich liegt sie mit entblößter Brust einladend auf einem majestätischen Daunenbett, orgiastisch umringt von verstreuten exotischen Früchten - ein Augenzwinkern Richtung Jürgen Teller, der sich gemeinsam mit Charlotte Rampling bei einem ähnlichen Petit-fours-Exzess im Pariser Hotel Crillon ablichtete. Aber Rampling spielte die bleiche, unnahbare Geheimnisvolle, die der Bubenreuther Landsknecht mutwillig umgarnte. Campbell führt selbst Regie, nur ein Herrenjackett liegt vorn auf dem Fauteuil, während sie, angetan mit nichts als Overknee-Stiefeln, Perlenschnüren und einem schwarz verschleiernden Gesichtsnetz auffordernd in die Kamera blickt. Ihre fast schmerzliche Odalisken-Schönheit ruft Claude Manets Olympia in Erinnerung. Doch bei Steven Meisel verschmilzt das ausgebreitete Aktmodell mit Manets schwarzer Haremssklavin und das Bouquet, das diese anreicht, steht nun auf der Bettkonsole.

          Säulenhoch gewachsene Models

          Andere Bildstrecken zeigen säulenhoch gewachsene Models in graphischer Kleidung mit exorbitanten Hüten, breiten Armbändern und, leicht irritierend, auf Olympias Halsband und das Sklavenjoch verweisenden Halsbandagen: Stück für Stück sind folkloristische Assoziationen und die Attribute der Leibeigenschaft in kühle Modernität und selbstbewusst individuelle Eleganz übersetzt.

          Zum offensiven „Fürchte nichts“-Konzept des Black Issue gehört auch der großzügige Einsatz von Pelzen. Drama ist das Hauptwort dieser Modegeschichten, die ihre Energie von solchen Showbiz-Kanonen wie Josephine Baker, Aretha Franklin, Valaida Snow und Grace Jones ausleihen. Die seit langem erfolgreiche Antidiskriminierungsstrategie, das pejorative Klischee provozierend umzukehren, funktioniert auch hier. Meisel spielt das Animalische, Triebhafte souverän aus, wenn er sein makellos gepflegtes Model mit Pelz und Korsage in eine Hochburg des Machismo - in eine Autowerkstatt und unter chromblitzende Motorräder - versetzt. Die Männer, die im unverwüstlichen James-Dean- und „East of Eden“-Mythos noch so an blonde Sodafountain-Collegegirls gekettet sind wie Barbie an Ken, werden hier zur staunenden Staffage, wenn Model Toccara Jones im Marilyn-Monroe-Stil Rock und Federboa liftet, einen Kleinwagen stemmt und sich mit opulenten African-Mama-Brüsten und einer diskreten Einladung im Blick auf dem Seitensitz einer Limousine darbietet.

          Ganz unterträgliches Frauenbild

          Das Potential dieser „Vogue“-Ausgabe wird vollends deutlich, wenn man das Heft von Anfang an durchblättert. Dort sind die Werbeseiten vor dem editorischen Teil wie harmlose Eunuchen postiert. Plötzlich kommt einem das Frauenbild in der geläufigen Werbefotografie ganz unerträglich vor. Mädchenhaft scheu, sehnsüchtig mit offenem Mund, weniger Lolita als Sterntalerkind, harmlos lieblich wie in Hugh Hefners Caféhausschürzen oder einst auf dem orientalischen Sklavenmarkt, den Blick demütig empfangend, ganz überraschte Susanna im Bade, so bieten sich die Models an - und man meint, einen Fundamentalismus zu spüren, den westliche Hybris entschieden weiter östlich angesiedelt hatte.

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