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Schulwahlverhalten von Eltern : Torschlusspanik

  • -Aktualisiert am

Die Folge: Klassen mit bis zu vierzig Schülern an begehrten Schulen und fehlende Lehrer Bild: Daniel Nauck

Nur noch für dieses Schuljahr haben Berliner Eltern die Chance, ihre Kinder an Schulen ihrer Wahl unterzubringen. Überzählige Lehrer hocken an unbeliebten Schulen. Der zuständige Senator spricht trotzdem von einer „Punktlandung“.

          Die Berliner Verwaltungsgerichte werden mit Eilverfahren überhäuft, die Eltern anstrengen, um ihre Kinder an Schulen ihrer Wahl unterzubringen. Vielfach einigt man sich außergerichtlich, weil Schulen fürchten, auf den Prozesskosten sitzenzubleiben. Die Folge: Klassen mit bis zu vierzig Schülern an begehrten Schulen und fehlende Lehrer.

          Überzählige Lehrer hocken an weniger nachgefragten Schulen. Der zuständige Senator spricht trotzdem von einer „Punktlandung“ zum Schuljahresbeginn und glaubt, eigentlich alles richtig gemacht zu haben. Das Durcheinander kommentierte die Schulbehörde mit „veränderten Schülerströmen“ und eigensinnigem „Schulwahlverhalten von Eltern“. Man könnte das auch Torschlusspanik nennen, denn nur noch für dieses Schuljahr haben Eltern die Chance, den ersehnten Schulplatz einzuklagen. Entscheidendes Kriterium für den Erfolg vor Gericht ist die Nähe des Wohnortes zur Schule.

          Die ungefähr vierundzwanzigste „Schulreform“

          Dafür wenden Familien viel Phantasie auf, ziehen zum Schein um, hinterlegen die Scheinadressen sogar bei der Bank, beim Einwohnermeldeamt und der Krankenkasse, damit sie einer Überprüfung standhalten. Im nächsten Jahr aber greift das nächste „Reformgesetz“: Die im informellen Elternranking ausgezeichneten Schulen werden dazu verdonnert, ein Drittel der Anträge in den Lostopf zu werfen, Verlierer werden umverteilt. Man hofft so, die soziale Mischung zu verbessern, wovon Eltern nicht allzu viel halten, wie man sieht. Zudem ist das die ungefähr vierundzwanzigste „Schulreform“, die in den vergangenen sechs Jahren über Berlins Schulen hinwegrollte. Nicht alles war schlecht, aber vieles bestenfalls nur gut gemeint. Kinder im Alter von fünf bis acht Jahren in sogenannten jahrgangsübergreifenden Klassen zu unterrichten wirkt sich zum Beispiel dort, wo Lehrer mit immer größeren Defiziten ihrer jüngsten Schüler zu kämpfen haben, negativ aus.

          Die in der Sprachförderung höchst erfolgreichen Vorklassenlehrer hat man für dieses fragwürdige Projekt wegreformiert. Evaluiert werden die unzähligen Neuerungen entweder nie oder zu spät – da hat sich schlimmstenfalls die Zahl potentiell funktionaler Analphabeten noch erhöht. Eltern, denen an der Bildung ihrer Kinder viel liegt, wissen das und favorisieren auch darum bestimmte Schulen, so wie sie andere strikt meiden. Dass sich das per Gesetz ändert, ist zu bezweifeln. Wohin es aber führen kann, wenn politischer Reformeifer am wirklichen Leben vorbeigeht, hat in diesem Jahr Hamburg vorgeführt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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