https://www.faz.net/-gqz-727em

Schröder und Putin : Das Schweigen

  • -Aktualisiert am

Ziemlich beste Freunde? Gerhard Schröder und Wladimir Putin Bild: dpa

Auch nach dem Urteil gegen Pussy Riot will sich Gerhard Schröder noch nicht öffentlich von Freund Putin distanzieren. Langsam beginnt sein Schweigen zu stinken.

          Von Gerhard Schröders anderen real existierenden Freunden ist zu erfahren, dass er bedauere, seinen Männerfreund Wladimir Putin einen lupenreinen Demokraten genannt zu haben. Sagt er jedoch nur „unter drei“, wie in politischen Hintergrundsgesprächen bezeichnet wird, was nicht zum Zitieren freigegeben werden darf.

          Weil gute Freunde sturmfest und erdverwachsen zueinander halten, so wie es in der Niedersachsenhymne erklingt, schweigt der ehemalige Bundeskanzler. Dass er für 9,95 Euro die Taschenbuchausgabe von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ gekauft habe, um sich kundig zu machen, was den drei verurteilten Pussy-Riot-Mädchen in den nächsten zwei Jahren im Straflager bevorsteht, ist allerdings ein Gerücht.

          Es ist selbstverständlich typische journalistische Hinterhältigkeit, Schröders Zurückhaltung mit seiner Tätigkeit als Lobbyist für den russischen Staatskonzern Gazprom in Verbindung zu bringen. Es ist selbstverständlich gemein, sein Schweigen als moralischen Offenbarungseid eines lupenreinen Hannoveraner Sozialdemokraten zu bezeichnen. Bei der nächsten Sitzung des Nord-Stream-Pipeline-Aufsichtsrates, dessen Vorsitzender Schröder ist (Mehrheitseigner: Gazprom) ließe sich statt dessen arrangieren, dass unter dem Punkt Verschiedenes der Tagesordnung Richterin Marina Syrowa, die das Urteil verkündete, noch einmal die Begründung verliest. Putin, der seit seinen KGB-Zeiten in Dresden ja deutsch spricht, kann seinem Freund ja helfen, falls der etwas nicht versteht.

          Was man im Kreml Fortschritt nennt

          Über Geschmack oder Farben kann man unter Scholastikern bekanntlich nicht streiten. Im Wortlaut: „De gustibus et coloribus non est disputandum.“ Der Auftritt von Pussy Riot in der russisch-orthodoxen Kathedrale, eine dadaistische Politshow, die in Demokratien wie der Berliner Republik, in der einst Gerhard Schröder die Richtlinien der Politik bestimmte, wäre beispielsweise im Dom der Hauptstadt allenfalls als geschmacklos grellfarbig kritisiert worden. Die Polizei hätte die Personalien der Frauen festgestellt, und eine fällige Ordnungsstrafe wäre solidarisch von lupenreinen Demokraten bezahlt worden. Basta. In Putins Demokratur kostet es drei junge Frauen Lebenszeit. Der Zar habe Gnade walten lassen, wird von seinen Getreuen gekontert, anderswo auf der Welt wäre auf eine ähnliche Gotteslästerung die Steinigung erfolgt, und zu Stalins Zeiten härte man die drei Frauen gleich erschossen. Das nennt man im Kreml Fortschritt.

          Die amtierende Bundeskanzlerin muss bei Staatsbesuchen, um Schaden von der deutschen Energieversorgung abzuwenden, zähneknirschend beide Wangen hinhalten, wenn Putin sie küsst. Ihr Vorgänger hat die Freiheit, Zähne zu zeigen. Das galt damals, als er in Beckmanns Talkshow den Freund als lupenrein beschrieb, und heute, würde er öffentlich dafür alle jene um Entschuldigung bitten, die ihn mal gewählt haben.

          Auf ein Wort deshalb, Herr Bundeskanzler. Das Wort lautet: Schande. Ein einzelner Prozessbeobachter rief es laut in den Gerichtssaal, als das Strafmaß verkündet wurde. Hochverrat aber ist bekanntlich eine Frage des Datums. Manchmal reicht es, geschwiegen zu haben und mitschuldig zu werden. Einen dritten Weg gibt es nicht. Um aus der Bergpredigt zu zitieren, was ja passt zum Auftritt von Pussy Riot in der Erlöserkathedrale: Deine Rede sei Jaja, Neinnein. Alles, was darüber liegt, ist von Übel.

          Der Ex-Kanzler war zwar nie ein Prediger vor dem Herrn. Auch von seinen Gegnern, zu denen seit Schröders Seligsprechung Putins allerdings viele einstige Anhänger zählen, wurde ihm aber politischer Instinkt attestiert. Er roch früh, was anderen noch nicht stank, und gab Laut. Beim Nein zum Irak-Krieg beispielsweise. Jetzt stinkt sein Schweigen.

          Weitere Themen

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Topmeldungen

          Ibiza-Video : Anwalt soll Drahtzieher der Strache-Falle sein

          Ein selbst ernannter Spionage-Fachmann behauptet im österreichischen Fernsehen, er wisse, wer die Hintermänner des „Ibiza-Videos“ sind. Er habe auf dem Video einen ehemaligen Geschäftspartner aus München erkannt.
          Internetnutzer in Simbabwe

          Digitale Entwicklung : Der Süden vernetzt sich

          Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer lebt in Entwicklungsländern. Sie digitalisieren schnell – doch nicht alle haben etwas davon.
          „Sie sollen weiter kaufen“: Rapper John-Lorenz Moser, bekannt unter seinem Künstlernamen Bonez MC, ist Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg.

          Gewaltvorwürfe gegen Musiker : Der Deutsch-Rap muss umdenken

          Auf die Debatte um #MeToo wollte die Szene nicht hören. Also müssen wir den Künstlern die Grenzen der Gewalt zeigen. Ein Gastbeitrag von einer Rap-Journalistin, die selbst schon körperlich angegangen wurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.