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Zeitliche Nähe : Fred Eisenlohrs letzte Zeugin

  • -Aktualisiert am

Vor mehr als hundert Jahren veröffentlichte Friedrich Eisenlohr seine „Kriminal-Sonette“, eine Sammlung formvollendeter lyrischer Hochkomik. Am Mittwoch erst starb seine Witwe, die Schriftstellerin Annemarie Bostroem.

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          Bis vorgestern wusste ich nichts von Annemarie Bostroem. Die Schriftstellerin starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren. Auch jetzt weiß ich nicht viel mehr von ihr, als dass sie Lyrik (die zum Teil vertont wurde) und Theaterstücke verfasste. Sie lebte im Ostteil Berlins, manchmal wurde ihr übel mitgespielt. Zu ihren Liebesgedichten merkte 1947 ein Literaturbürokrat an, es handle sich um „abstoßende Neigungen und Triebe einer Dichterin, bestenfalls der Beachtung eines Psychiaters wert“. Sie blieb.

          Und bestimmt ist es ungerecht, wenn ich auf den Mann zu sprechen komme, mit dem sie verheiratet war: Friedrich Eisenlohr. Da klingelt’s nun gewaltig! Mit Ludwig Rubiner und Livingstone Hahn veröffentlichte er 1913 die „Kriminal-Sonette“ im Verlag Kurt Wolff, eine Sammlung formvollendeter lyrischer Hochkomik; mitten im expressionistischen Zeitalter hört man schon das Dada-Kichern – Robert Gernhardt hatte große Vorläufer. Nur dass damals die Grausamkeit ihre Rolle im großen Spaß hatte, es spielt der anarchistische Terrorismus hinein (einem Großfürsten wird Schlangengift verabreicht, danach „trifft man sich zu heimlicher Verschwörung./Die Nihilisten feiern das Verbrechen./Im Lande schwelt die Flamme der Empörung.“).

          Und mehr als einmal wird die Hochrüstung der Vorkriegszeit notiert. Drei Personen durchziehen die Sammlung: Der Obergauner Fred, der namenlose „Freund“ und „Meisterdetektiv Greiff“, der die beiden (ach, ewig vergebens) jagt. Nur eine Probe, das Gedicht heißt „Die Schreckenskammer“: „Der Bankherr führt ins Wachspanoptikum/Die junge Braut. Fred an der Guillotine,/In Henkersmantel und maskierter Miene,/Steht täuschend wächsern, steifgereckt und stumm./Der Freund, als Führer, zeigt die ,Folterbiene‘./Die ,Daumenschrauben’, das ,Bein-dreh-dich-um‘, / Die Totenmaske von Napolium –/Und weist erklärend auf die Mordmaschine. / Der Snob, gereizt, versucht den kleinen Witz. / Fred drückt gelassen auf den Messerknopf. / Die Schneide saust herab gleich einem Blitz. / Sie hält drei Millimeter überm Kopf. / Die Freunde nehmen dem Millionenfex / Brillanten, Uhr, sowie die Reiseschecks.“ Ein letztes Kichern vor dem großen Schrecken. Mehr als hundert Jahre ist das her, und vor ein paar Tagen erst starb die letzte Zeugin, die es hätte überliefern können. Wie nah ist alles.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

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