https://www.faz.net/-gqz-84ka0

Zum Tod von Harry Rowohlt : Vermächtnis eines wilden Bären

  • -Aktualisiert am

Harry Rowohlt 1945 - 2015 Bild: Wolfgang Eilmes

Seine Übersetzung von „Winnie-the-Pooh“ und seine genialischen Lesungen machten Harry Rowohlt bekannt. Jetzt ist das Multitalent im Alter von siebzig Jahren gestorben.

          2 Min.

          Seinen Nachruf hatte er selbst schon spaßhaft vorweggenommen: „Von der Wiege bis zur Biege“ erzählte Harry Rowohlt dem publizistischen Kollegen Ralf Sotscheck im Jahr 2009 sein Leben. Das daraus entstandene Buch trägt den Titel „In Schlucken-Zwei-Spechte“, was zum einen auf die Trinkaffinität der Gesprächspartner, zum anderen aber auch auf Rowohlts Vorliebe für irische Schriftsteller hindeutet: nämlich auf Flann O'Briens verrückten Roman „At Swim-Two-Birds“, den er selbst zusammen mit Helmut Mennicken neu übersetzt hat.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber den Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnisten und Botschafter des irischen Whiskys Harry Rowohlt musste man nicht nur lesen, sondern vor allem hören: Als rauhe und doch liebenswerte Erzählerstimme der deutschen Übersetzung von A.A. Milnes Kinderbuchklassikern „Winnie-the-Pooh“, die er freilich auch selbst besorgt hat, ist Rowohlt einem großen Publikum bekanntgeworden, für die Hörbuchversion von „Pu der Bär“ heimste er sogar eine goldene Schallplatte ein. Seine mehrstündigen Bühnenperformances, auch einmal als „Schausaufen mit Betonung“ bezeichnet, ebenso wie seine Kolumnen unter dem Titel „Pooh’s Corner“, in denen er nach dem großen Vorbild „Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand“ versprach, waren hingegen nichts für Kinder und auch nichts für manche Erwachsene.

          Übersetzung als Dichtung

          Zu diesem Image schien zu passen, dass Rowohlt in der Fernsehserie „Lindenstraße“ dann auch noch einen Penner spielte. Das Brachiale seines Auftritts konnte aber vielleicht auch manchen übersehen lassen, dass Rowohlt in den für ihn entscheidenden Frage der Sprachkunst und besonders der des schwierigen Übersetzens moderner Literatur auch durchaus Wörter auf die Goldwaage legen und mit dem Florett fechten konnte, etwa wenn er andere Übersetzungen kritisierte. Seine eigenen wurden vielfach gepriesen, auch weil sie oft regelrechte Neudichtungen waren. 1999 erhielt er den Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für sein „außerordentlich reichhaltiges Übersetzungswerk“.

          Harry Rowohlt wurde am 27. März 1945 als Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper geboren. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr, solange seine Mutter mit dem Maler Max Rupp verheiratet war, hieß er Harry Rupp. Nach dem Tod Ernst Rowohlts hätte er selbst die Möglichkeit gehabt, ins Verlagsgeschäft einzusteigen: Er erbte 49 Prozent des Rowohlt Verlags, wollte aber diesen Weg nicht einschlagen, auch wenn er inzwischen gelernter Verlagsbuchhändler war. Sein Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und er verkauften den Verlag Anfang der achtziger Jahre an die Holtzbrinck-Gruppe. Anfragen den Verlag betreffend sowie Verwechslungen seiner Funktion hatte Harry Rowohlt zeitlebens zu gewärtigen, er bügelte sie manchmal gewitzt, manchmal auch genervt ab.

          Unter seinen Meriten als Übersetzer wären noch viele weitere zu nennen, darunter Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“ (ebenfalls auch als Hörbuch), Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“, aber auch die gewitzte Übertagung von David Sedaris und Kurt Vonnegut oder Comics von Robert Crumb. Als Kolumnist und Briefschreiber (Buchtitel lauten etwa „Gottes Segen und Rot Front – Nicht weggeschmissene Briefe“) behielt Rowohlt seinen sonderbaren Humor, auch als er an Polyneuropathie erkrankte.

          Über Hamburg, wo er geboren wurde und zuletzt lebte (den Weg von Hamburg 13 nach Eppendorf bezeichnete er einmal als „leichten Abstieg, aber noch nicht die schiefe Bahn“) konnte Harry Rowohlt viele Anekdoten erzählen, ebenso wie dort viele andere Leute welche über ihn. Nach langer, schwerer Krankheit ist Harry Rowohlt in Hamburg am Montagabend gestorben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

          Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

          Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.
          Szene im Bundesverfassungsgericht

          Corona-Wiederaufbaufonds : Warnschuss aus Karlsruhe

          Im Beschluss zum Corona-Wiederaufbaufonds werden die Zweifel des Bundesverfassungsgerichts mehr als deutlich. Als souveräner Staat ist Deutschland offen für Europa – die eigene Staatlichkeit darf aber nicht schleichend ausgehöhlt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.