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Griechenlands Krise : Kompromiss? Das ist hier unbekannt

Griechenland begreift nicht, wie Europa funktioniert – und umgekehrt. Der Schriftsteller Petros Markaris spricht über Demütigungen, Kompromisslosigkeit und Tsipras’ Theater.

          In einer Demokratie hat jedes Volk die Regierung, die es verdient. Gilt das auch für das griechische Volk?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die griechischen Politiker haben ihr Volk jahrelang belogen, so dass jede neue Sparmaßnahme die Leute wie aus heiterem Himmel getroffen hat. Griechenlands Politiker der letzten Jahrzehnte sind zum größten Teil professionelle Lügner gewesen. Als die Leute anfingen zu leiden, haben sie nur Trostworte gehört, aber nie die Wahrheit. Und als ihnen endlich bewusst wurde, dass die gesamte politische Klasse sie so viele Jahre lang belogen hat, da haben sie es eben mit Syriza versucht. Es ist noch nicht lange her, da lag Syriza bei drei oder vier Prozent. Der Aufstieg von Tsipras in so kurzer Zeit würde in jedem anderen Land als Wunder gelten.

          Dieses Wunder könnte von kurzer Dauer sein. Ist nicht das Referendum in erster Linie ein innenpolitisches Manöver gewesen, mit dem er seine eigene Position stärken wollte?

          Ja, es ging doch in Wirklichkeit nie um ein Ja oder Nein zu Europa oder zum Euro. Was für ein Theater! Das Referendum hat nur einer Person genutzt: Alexis Tsipras. Er ist jetzt eine Art Regent. Man konnte ja sofort sehen, wie stark er sich jetzt fühlt, als er schon am nächsten Tag Varoufakis rauswarf.

          Jetzt ist Tsipras also der starke Mann in Griechenland. Aber wie lange wird er das bleiben können?

          Von den anderen Parteien hat er zur Zeit nichts zu befürchten. Die eigene Partei hatte er allerdings nicht im Griff, doch da hilft ihm nun das Ergebnis des Referendums. Zu fürchten hat er nur den Ausgang der Verhandlungen mit der Europäischen Union. Wenn die scheitern und Griechenland zur Drachme zurückkehren sollte, wird ihm ein großer Teil seiner eigenen Leute davonlaufen.

          Sie haben einmal gesagt, dass die Griechen Kredite, die sie privat allzu lange und allzu leicht von den Banken bekamen, nicht als geliehenes Geld, sondern als Teil ihres Einkommens betrachtet hätten. Wie es aussieht, pflegt der griechische Staat ähnliche Ansichten.

          Alles nur Theater? Auch Petros Markaris weiß nicht, wie lange Tsipras, hier im Europaparlament, noch der große Mann in Griechenland bleiben wird.

          Griechenland hat viel zu hohe Kredite aufgenommen, das weiß heute jeder. Aber es hat dieses Geld auch viel zu leicht bekommen. Europa hat in der Vergangenheit nie gefragt, was mit diesem Geld passiert, wohin es fließt, wie es einmal zurückgezahlt werden kann. Europa hat einfach nicht kontrolliert. Warum nicht? Vor allem aus einem Grund: weil Deutschland und Frankreich gute Geschäfte gemacht haben. Europa, auch diesen Vorwurf kann ich den europäischen Institutionen nicht ersparen, hat außerdem viel zu lange tatenlos zugesehen. Man darf Sparmaßnahmen nicht mit Reformen verwechseln. Anstatt die Kredite von Beginn an an Reformen zu binden, hat Europa zugelassen, dass die griechischen Regierungen alle Lasten dem Mittelstand aufbürdeten. Griechenland hat keine großen Konzerne, es hat nur den Mittelstand. Dieser Mittelstand ist nach fünf Jahren der Krise weitgehend ruiniert. Ein Teil der Verantwortung daran trägt Europa. Wo soll jetzt das Wachstum herkommen, wenn der Mittelstand am Boden liegt?

          Griechenland war ein armes Land, bis mit dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1981 die Subventionen zu sprudeln begannen. Sie sagen, dass damals die „Zeit der falschen Illusionen“ begonnen hat. Leben die Griechen des Jahres 2015 in der Zeit der ohnmächtigen Wut?

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