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Griechenlands Krise : Kompromiss? Das ist hier unbekannt

Viele Griechen sind wütend, das stimmt. Aber das ist die Wut einer introvertierten Gesellschaft, die den Blick immer auf das eigene Land gerichtet hat. Wir Griechen wurden zu überzeugten Europäern, als nach 1981 die Brüsseler Geldquellen für uns zu sprudeln begannen. Jetzt, wo der Topf leer ist, sind wir gegen Europa, weil Europas Forderungen uns zu zerstören drohen. Beide Male haben wir nur das eigene Land im Blick. Die Griechen haben noch immer nicht begriffen, wie Europa funktioniert.

Hat Europa denn begriffen, wie Griechenland funktioniert?

Nein, leider nicht. Sonst hätte man in Brüssel gewusst, dass die Reformen nie durchgeführt werden würden, solange noch Geld fließt. Und man hätte auch wissen müssen, dass Griechenlands Politiker die realen Verhältnisse jahrelang verschleiert haben.

Die griechischen Politiker haben aber nicht nur das Ausmaß der Krise verschleiert, sie haben vor allem versucht, ihre Klientel vor deren Auswirkungen zu schützen. Nur ihre Klientel?

Ich lebe in einem Land mit einer Arbeitslosenquote von dreißig Prozent. Aber 99 Prozent dieser Arbeitslosen kommen aus dem privaten Sektor. Wie kann das sein? Die Klientel der Parteien sitzt im Staatsapparat, diesem schrecklichen Moloch. Das Klientelsystem in diesem Land ist ein Ungeheuer, ein Drache.

Viele Griechen scheinen Tsipras für einen Drachentöter zu halten.

Ja, aber das ist unbegreiflich. Wie kann man denn nur glauben, Syriza würde mit dem Klientelwesen aufräumen? Tsipras hat sofort zahlreiche Posten an seine Leute vergeben, außerdem sind viele Funktionäre von Pasok nach der Wahl zu Syriza übergelaufen, um dort ihr altes Spiel weiterspielen zu können. Syriza hat vor zwei Wochen ein Gesetz eingebracht, dass vorsieht, dass Schuldirektoren von den Gewerkschaften gewählt werden sollen. Syrizas Gewerkschaftler bestimmen also künftig, wer die Gymnasien leitet. Dabei ist das Bildungssystem ohnehin schon ein großes Problem.

Warum?

Weil es einen Kardinalfehler der griechischen Gesellschaft nicht bekämpft, sondern verstärkt. Das griechische System ist immer ein System gewesen, das mit Spaltungen und Konfrontationen gearbeitet hat. Die griechische Gesellschaft weiß nicht, was Konsens bedeutet. Sie kennt weder Konsens noch Kompromiss. Sie kennt nur Lager, die sich feindlich gegenüberstehen. Das ist so seit dem Bürgerkrieg der vierziger Jahre.

Ist das der Grund, weshalb offenbar manche Griechen schon Verhandlungen an sich als demütigend...

Ach Gott, nein, hören Sie auf! Das nicht, bitte nicht! Es gibt zwei Dinge, über die ich nicht reden möchte. Das eine ist Varoufakis, kein Wort mehr über ihn! Das andere sind die vermeintlichen Demütigungen. Was sind die wahren Demütigungen? Die Verhandlungen mit Europa sollen demütigend sein? Da muss ich lachen. Dass unsere Banken geschlossen sind, das ist demütigend! Sich eingestehen zu müssen, dass man sich jahrzehntelang von den eigenen Politikern hat belügen lassen, das ist demütigend!

Ist der Fortbestand des durch und durch verrotteten Klientelsystems nicht auch eine Demütigung? Wie kann dieses System überwunden werden?

Wenn überhaupt, dann gibt es nur einen Weg. Die Parteien müssen zu Reformen gezwungen werden, die auch ihre Klientel treffen, und zwar schmerzhaft. Wenn sie ihre Klientel nicht mehr schützen können, dann sind sie über kurz oder lang am Ende.

Es gibt also doch noch Hoffnung für Griechenland?

Die Griechen haben immer große Hoffnungen, die mit großen Enttäuschungen enden. Es tut mir sehr leid, aber so ist es immer gewesen.

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