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Schriftsteller Evelyn Waugh : An Freitagen nur Kaviar

Ohne Evelyn Waugh wäre „Downton Abbey“ kaum denkbar: hier eine Szene mit Lady Violet (Maggie Smith). Bild: Nick Briggs/ZDF

Vor fünfzig Jahren starb der Schriftsteller Evelyn Waugh. Bis heute können seine geistigen Erben viel von ihm lernen – über Adelsklassiker, aber auch über Attitüde.

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          In ihrer Familiengeschichte „Lady Almina und das wahre Downton Abbey“ erwähnt die aktuelle, achte Gräfin von Carnarvon den Schriftsteller Evelyn Waugh, weil er gleich zweimal den Stammbaum der Familie streifte. Zuerst heiratete Waugh die Nichte des fünften Earls, die wie ihr Gemahl auf den Namen Evelyn getauft war (weshalb man für die kurze Dauer dieser Ehe von He-Evelyn und She-Evelyn sprach); nach deren Annullierung - Waugh war 1930 katholisch geworden – heiratete er 1937 Laura Herbert, ebenfalls verwandt mit dem Earl von Carnarvon. Von seinen Besuchen in Highclere Castle, das als Drehort für die britische Fernsehserie „Downton Abbey“ diente, blieb vor allem sein Ausspruch, etwas sei „very Highclere“, was so viel meine wie „hervorragend umgesetzt“.

          So führt von „Downton Abbey“ eine direkte Linie zu jenem Roman, bei dem sich der Seriendrehbuchautor Julian Fellowes massiv bedient hat - zu Evelyn Waughs Jahrhundertroman „Wiedersehen mit Brideshead“ von 1945. Die niedergehende Welt der adeligen Großgrundbesitzer, die Waugh unter sein exquisites schriftstellerisches Mikroskop legt, mag als versunken gelten, erledigt hat sie sich nicht. Dass sie heute hauptsächlich in filmischen Schrumpfformen wiederersteht, die nicht annähernd die Werktreue der legendären ITV-Serie von 1981 erreichen, ist ein Hinweis, wie sehr sich stattdessen die Lektüre des Romans lohnt. „Brideshead revisited“ ist in der angelsächsischen Welt ein Klassiker, was man auch daran erkennt, dass er bis heute polarisiert. Im deutschen Sprachraum pflegt Diogenes das umfangreiche Schaffen Waughs, der vor fünfzig Jahren, am 10. April 1966, starb.

          Er selbst hielt seinen einzigen historischen, heute beinahe vergessenen Roman „Helena“, der von der Mutter des römischen Kaisers Konstantin und ihrer Suche nach den Resten des Kreuzes, an das man Jesus Christus schlug, handelt, für sein bestes Buch. So gut katholisch war er, dass er an Freitagen nur Kaviar aß. Versunken ist auch die Haltung, die er als Gentleman und Snob im Dreiteiler mit Blume im Knopfloch und Zigarre der Öffentlichkeit gegenüber einnahm: In einem BBC-Interview mit John Freeman präsentiert er sich selbst dann noch höflich lächelnd, wenn man damit rechnet, er würde den ungelenken Fragesteller am liebsten steinigen. Gleich auf die Einstiegsfrage, wo er geboren wurde, kontert Waugh beinahe unmerklich maliziös und doch der Wahrheit verpflichtet: „Ich habe keine Erinnerung an dieses Ereignis.“ Auf die Frage nach seinem größten Fehler sagt er wie aus der Pistole geschossen: „Reizbarkeit“. Und auf jene, warum er überhaupt zu diesem Interview sich bereit erklärt habe, „Armut“. Hervorragend umgesetzt, very Waugh.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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