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Trumps Gesundheit : Schreiben Sie, Doc!

Trump kann seine Gesundheit scheinbar selbst am besten einschätzen – zumindest lässt er keine Gelegenheit aus, diese mit seinem Daumen anzuzeigen. Bild: Reuters

Nach Gadamer soll der „denkende Arzt“ dem Patienten „die Einheit mit sich selbst wiedergeben“. Donald Trump musste sich für seinen medizinischen Selbstbetrug nur marginal von seiner narzisstischen Weltsicht lösen. Eine Glosse.

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          Den Arzt besuchen wir nicht, weil wir ihn gerne mal wieder sehen, sondern weil wir etwas von ihm wollen. Angeblich ist es Gesundheit. Harold Bornstein war schon mehr als dreißig Jahre der Leibarzt von Donald Trump und angeblich gerade mit anderen Patienten beschäftigt, als dieser ihn auf dem Höhepunkt des Präsidenten-Wahlkampfes Ende 2015 zum Diktat aufsuchte und Gesundheit all inclusive haben wollte. „Schreiben Sie, Doc“, so etwa müssen wir uns den Auftritt des fiebrigen Wahlkämpfers Trump in der Praxis Bornsteins vorstellen: „Wenn Mr. Trump gewählt würde, das kann ich ohne jeden Zweifel feststellen, wäre er die gesündeste Person, die jemals zum amerikanischen Präsidenten gewählt werden würde.“

          So stand es denn auch in Bornsteins Arzt-Bulletin, so wurde es millionenfach getwittert, und so hatte es, wie der inzwischen geschasste Dr. Bornstein jetzt im Interview einräumt, der älteste amerikanische Präsidentschaftskandidat aller Zeiten Wort für Wort diktiert.

          Jeder konnte Trump damals ansehen, dass sich hinter Bornsteins Bulletin eine Alternativ-Definition von Gesundheit verbirgt, die mit Medizin nicht viel zu tun hat. Trump schluckte zu der Zeit Statine gegen Hochdruck, ein Mittel gegen ein Hautleiden, das Erröten fördert, er nahm Aspirin zur Infarktvorbeugung und ein fragwürdiges Haarwuchsmittel obendrein. So nähern wir uns also der entscheidenden Frage, nicht, ob der Arzt gelogen oder der Kandidat seinen Leibarzt zur Unwahrheit genötigt hatte, sondern, ob Lüge und Betrug im Falle der Gesundheit überhaupt möglich ist.

          Für den Philosophen Hans Georg Gadamer, der vermutlich vor allem deshalb so uralt wurde, weil er sich ein halbes Leben lang mit der zumeist verborgenen Gesundheit beschäftigte, war die Sache klar: Gesundheit ist ein störungsanfälliges Gleichgewicht. Nicht das Sich-Fühlen allein bestimme unser Gesundsein, vielmehr „das Da-Sein, das In-der-Welt-Sein, Mit-den-Menschen-Sein, von den eigenen Aufgaben des Lebens tätig oder freudig erfüllt sein“. Ganz im Sinne von Trump.

          Welcher Arzt hätte ihm eine so gelehrte Sicht auf Leib und Seele verwehren können? Jedenfalls musste er sich im Wahlkampf nur marginal von seiner narzisstischen Weltsicht des Sich-groß-und-gut-Fühlens lösen, um den medizinischen Selbstbetrug zu vollenden. Und was die oberste Pflicht eines „denkenden Arztes“ anbelangt, hatte Gadamer ebenfalls sehr präzise – und wie zur Entlastung Bornsteins – formuliert: Nicht nur den Leidenden wiederherzustellen sei Aufgabe des Arztes, sondern ihm, dem Patienten, „mit der Rückstellung, Rückgabe und Rückkehr zu seinem Können und Sein die Einheit mit sich selbst wiederzugeben“.

          Wie jeder weiß, genügt dafür oft ein einfaches Rezept. Oder ein Attest. Oder eine saftige Arztrechnung. Und so betritt der mündige Patient heute wie Trump mit fertiger Diagnose die Praxis und diktiert dem Doktor selbstverständlich auch, was dieser aufzuschreiben hat. Angeblich alles um der Gesundheit willen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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