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Gina Thomas (G.T.)

Schottland danach : Vom Kater der Kelten

  • -Aktualisiert am

Die Unabhängigkeit ist den Schotten versagt geblieben. In der Wahlnacht half der Whisky wohl manchen Verlieren, über die Trauer hinwegzukommen. Bild: AFP

Die exaltierte Stimmung auf Edinburghs Straßen wurde nach der Niederlage der Separatisten von reichlich Alkohol begleitet. Schottland bleibt britisch, locker lassen werden aber werden seine Bürger inicht.

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          In den frühen Morgenstunden des nebligtrüben Tages, von dem sich schottische Nationalisten eine neue Dämmerung versprachen, wimmelten die Straßen der Altstadt von Edinburgh noch von Menschen, die nicht wahrhaben wollten, dass die Wähler ihre Hoffnungen zerschlagen hatten. Aus einer alkoholisierten Kehle drang der Schrei „Freiheit“ in die feuchte Nacht; das Echo verlor sich in den finsteren Gassen. Auf der wie ein Faden der schottischen Geschichte vom Palast von Holyroodhouse bis zur Burg verlaufenden Royal Mile traf man auf Gruppen überwiegend junger Menschen mit Ja-Aufklebern an den Wangen und der blauen Fahne mit dem weißen Andreaskreuz über den Schultern, die in exaltierter Stimmung durch die Straßen liefen. Ihr Schritt war resolut, das Ziel unbestimmt.

          Obwohl sich der Sieg der Unionisten zu dieser Stunde bereits abzeichnete, fuhren Autos mit wehenden Schottland-Fahnen wie nach einem Fußball-Weltmeisterschaftssieg hupend an den Fußgängern vorbei. Auf dem Dach eines dieser Fahrzeuge thronte eine menschengroße Figur der Freiheitsstatue, schottisch blau bemalt. Das alte schottischen Parlamentsgebäude, wo die Abgeordneten am 25.März 1707 dem Gesetz zur Union mit England zustimmten, was die Nationalisten mit dieser Abstimmung wieder rückgängig machen wollten, schien ein Sammelplatz für Separatisten aller Länder geworden zu sein. Dort war die mit bunten Teelichtern gezeichnete katalonische Fahne neben der schottischen wie ein Teppich ausgebreitet.

          Vor der Royal-Oak-Kneipe, wo die Tradition des schottischen Volksliedes gepflegt wird, tanzten, sangen und tranken sich baskische Unabhängigkeitsanhänger mit sardischen Separatisten, Walisern und Schotten in voller Tracht in einen keltischen Dusel hinein. Die Zeitungen, die alle in Druck gingen, bevor das Ergebnis feststand, mussten sich mit ihren Prognosen vorsehen. Aber der „Daily Star“ konnte sicher sein, dass ihre Schlagzeile, wonach die Schotten mit einem schweren Kater aufgewacht seien, am nächsten Morgen noch Bestand hatte. Es war wie am berüchtigten schottischen Silvester.

          Das separatistische Begehren wird fortleben

          Das von Ja-Sagern beherrschte Straßenbild täuschte, wie manche Umfrage, über die tatsächliche Stimmung im Land hinweg. Letztlich haben der biedere Calvinismus und der Rationalismus der schottischen Aufklärung deutlich über das romantische Jakobiterherz gesiegt. Die schweigende Mehrheit war kein Wunschdenken der Unionisten. Aber der Nationalist, der sich zu fortgeschrittener Stunde mit der lallenden Feststellung tröstete, dass sich Britannien durch diese Abstimmung für alle Zeiten verändern werde, behält recht.

          In den vergangenen vier Jahrzehnten waren die Zugeständnisse Londons gegenüber Schottland vor allem vom englischen Eigeninteresse diktiert. Westminster glaubte die separatistischen Bestrebungen Edinburghs durch Beschwichtigungsmaßnahmen dämpfen oder drosseln zu können. Das galt für die Abstimmung zur Umsetzung der ein regionales Parlament vorsehenden Schottland-Akte, bei der die erforderliche Mehrheit 1979 nicht erlangt werden konnte. Und es traf ebenso zu auf die Selbstverwaltungsabstimmung von 1997, die den Schotten das lang erkämpfte regionale Parlament bescherte. Wie die Teilautonomie die Debatte angeheizt hat, lässt sich allein schon an der Wahlbeteiligung ablesen. 1979 lag sie bei 63,6 Prozent, 1997 bei knapp über sechzig Prozent. Am Donnerstag überschritt sie in einigen der 32 Bezirke sogar neunzig Prozent.

          Die sich aus dem verstärkten Unabhängigkeitsbestreben ergebenden Fragen, die David Cameron jetzt in Angriff nehmen will, sind von Westminster seit Jahrzehnten auf die lange Bank geschoben worden. William Gladstone hatte bereits 1886 im Zusammenhang mit der irischen Selbstverwaltung auf die auch auf schottische Abgeordnete des britischen Parlaments zutreffende Anomalie hingewiesen, dass irische Abgeordnete nach der Übertragung von administrativer Gewalt für innerirische Angelegenheiten weiterhin über englische Belange abstimmen könnten. Vor mehr als hundert Jahren hat Winston Churchill in Dundee, dem Wahlkreis, den er vierzehn Jahre lang vertrat, bekundet, nicht im Geringsten beunruhigt zu sein von der Vorstellung, dass im Vereinigten Königreich mehrere gesetzgebende Körperschaften für die Wahrnehmung der Aufgaben entstehen könnten, die das imperiale Parlament an sie delegiere. In den Kolonien habe sich ein föderales System dieser Art als der einzige Weg bewährt, in dem sich das Interesse der Allgemeinheit mit den speziellen Interesse der einzelnen Regionen vereinbaren lasse.

          Darauf läuft es jetzt hinaus. Die Unabhängigkeit ist den Schotten diesmal versagt geblieben. Das Begehren lebt fort.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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