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Neil MacGregor zum Siebzigsten : Schotte, Brite, Weltbürger, Museumsmann, Berliner

Neil MacGregor im August 2015 in Weimar Bild: dpa

Zum Gründungsintendant des Berliner Humboldt-Forums ist er prädestiniert. Sein Geburtstag fällt in eine Zeit, in der seine Heimat entscheidet, ob sie sich von dem Ideal abwendet, das er verkörpert. Zum Siebzigsten von Neil MacGregor.

          Die Vorstellung des Britischen Museums als eines „globalen Hauses“ ist so selbstverständlich geworden, dass der Staatsminister im britischen Kulturministerium vor zwei Tagen den Begriff gleich mehrfach in eine Ansprache einfließen ließ, die er in der Galerie des Museums für ägyptische Skulptur hielt. Diese Anschauung ist Neil MacGregor zu verdanken. Bevor er 2002 von der National Gallery zum Britischen Museum wechselte, wurde das hochverschuldete und demoralisierte Haus eher als Hort von Artefakten toter Kulturen und verstaubter Trophäen des Empires wahrgenommen. MacGregor hat den Schwerpunkt verlegt und dem Begriff des Universalmuseums eine neue Prägung gegeben: durch die Wiedererfindung des Britischen Museums als Haus der Welt für die Welt. Es ist charakteristisch für seine Fähigkeit, die aktuelle Relevanz des kulturhistorischen Vermächtnisses durch Bezüge zum Alltag einfach begreifbar zu machen, dass er das Britische Museum als erste „Open University“ der Welt bezeichnet hat, als Stätte also für die quasi-universitäre Selbstbildung.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In seinen dreizehn Jahren als Direktor hat MacGregor immer neue Wege gefunden, um auf die vorimperialen Ursprünge dieses ersten Nationalmuseums zurückzuverweisen und den Bogen zur postimperialen Wirklichkeit zu schlagen. In seiner Abschiedsrede vor einem Jahr erzählte er selbstironisch, wie Alan Rusbridger, der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“, ihm vorgeworfen habe, immer denselben Vortrag zu halten über die aufklärerischen Werte der 1753 vom Parlament zum Nutzen aller Lern- und Wissbegierigen des In- und Auslands gegründeten Institution, die gebührenfrei zugänglich sein und Kants Ideal der Freiheit entsprechen solle, „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“. Das Gelächter war noch nicht verhallt, als der brillante Vermittler diese Botschaft ein weiteres Mal wiederholte.

          Diese Auffassung vom Dienst an der Öffentlichkeit

          MacGregor hat der Öffentlichkeit die Augen geöffnet für das Potential des Museums, dem Besucher nicht nur die Entdeckung der Welt und des Menschen zu ermöglichen, sondern sein Bewusstsein zu wecken für die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart und damit die existentiellen Fragen des Menschseins zu berühren. Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm des Britischen Museums war stets mit Blick auf internationale Krisenherde oder weltpolitische Fragen darauf ausgerichtet, ein tieferes Verständnis für kulturelle Hintergründe zu fördern, was MacGregor mit seinem Gespür für die Symbolkraft von Artefakten auch durch brisante Leihgaben wie die des Kyros-Zylinders ans Nationalmuseum in Teheran oder der Figur des Flussgottes Ilissos vom Parthenon-Fries an die Petersburger Eremitage untermauerte. Dabei verfuhr er nach dem selbsterklärten Prinzip, dass, je frostiger das diplomatische Verhältnis zu den jeweiligen Staaten sei, desto wichtiger die Beziehungen zwischen den Museen der jeweiligen Länder würden.

          MacGregors leidenschaftliche Bildungsmission geht einher mit einem ausgeprägten bürgerschaftlichen Verantwortungssinn und einer altmodischen Auffassung vom Dienst an der Öffentlichkeit, die sich auch in seiner persönlichen Bescheidenheit ausdrückt. Zu seinen Eigenschaften gehört die Gabe, intensiv und aufmerksam auf jemanden einzugehen, ohne etwas von sich preiszugeben, und bei seinem Gegenüber den Eindruck zu hinterlassen, dass das Gespräch viel zu früh abgebrochen worden sei. MacGregors Werte wurzeln ebenso in den Idealen der presbyterianisch gefärbten schottischen Aufklärung, die dem aus Glasgow stammenden Ärztesohn durch seine Herkunft vermittelt wurden, wie im tiefen christlichen Glauben, der ihm moralische Kraft verleiht, ohne dass er jemals damit hausieren ginge.

          Das Ideal des europäischen Gedankens

          Aus der antiautoritären presbyterianischen Tradition erklärt sich wohl auch sein Entschluss, den Rittertitel auszuschlagen, der im Gegensatz zu meritokratischen Ehrungen wie seine Aufnahme in den erlesenen Order of Merit oder die französische Ehrenlegion den Beigeschmack von hierarchischer Elite trägt. MacGergors ungewöhnlich vielseitiger Bildungsweg, der ihn nach prägenden Schulaufenthalten in Frankreich und Deutschland zunächst von Oxford, wo er Deutsch und Französisch studierte, über Philosophie an der École Normale Supérieure zur Rechtswissenschaft in Edinburgh führte, scheint wie auf seine jüngste Aufgabe als Gründungsintendant des Humboldt-Forums in Berlin zugeschnitten. Er war erst 27 Jahre alt, als er die eher aus Pflicht denn aus Neigung ausgeübte Juristerei aufgab, um am Londoner Courtauld Institute Kunstgeschichte zu studieren. Knapp fünfzehn Jahre später war er nach einer Etappe als Dozent und einer weiteren Station als Herausgeber der renommierten kunsthistorischen Zeitschrift „Burlington Magazine“ bereits zum Direktor der Londoner National Gallery aufgestiegen.

          Dort profilierte er sich mit jener Fähigkeit, am Einzelfall große Zusammenhänge zu veranschaulichen, die er dann am Britischen Museum verfeinerte und mit Projekten wie der „Geschichte der Welt in hundert Objekten“ oder seiner Erkundung der neuen Bundesrepublik durch die in Gegenständen erfassten Erinnerungen der Nation zu einer Art Markenzeichen gemacht hat. Unter dem Eindruck der beiden Weltkriege haben MacGregors Eltern den Blick ihrer Kinder gezielt von Großbritannien auf die europäische Ebene und damit unweigerlich auch auf die Welt gelenkt. Es ist eine bittere Ironie, dass Neil MacGregors siebzigster Geburtstag an diesem Donnerstag genau eine Woche vor der Volksabstimmung stattfindet, die darüber entscheiden wird, ob sich die universalistische Gesinnung gegen den insularen Sonderweg durchsetzen kann. Wenn jemand das Ideal des europäischen Gedankens verkörpert, so ist es der gebürtige Schotte, der zugleich als Brite und als Weltbürger mehrere Identitäten in sich vereint.

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