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Schönheitsideale : Die Nasenform des neuen Menschen

Vorher/Nachher: In den U-Bahn-Stationen von Seoul werben plastische Chirurgen für eine Kieferverlagerung. Bild: AFP

Kosmetische Industrie und plastische Chirurgie tun alles, um uns einzureden, nur wer schön sei, bringe es im Leben weit. In Südkorea lässt man sich für diesen Glauben inzwischen sogar die Kiefer brechen.

          Als der prominente plastische Chirurg Jason Diamond vor ein paar Jahren beschloss, seine Dienste zukünftig nicht mehr nur in Beverly Hills, sondern auch in Dubai anzubieten, da zerbrach er sich vor allem darüber den Kopf, ob es ihm wohl gelingen würde, seine Fähigkeiten auf dem Gebiet des Straffens, Spritzens und Absaugens mit den Optimierungsbedürfnissen des arabischen Marktes in Einklang zu bringen. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass seine Sorgen unbegründet waren. Diamond war in Dubai genau richtig. In Qatar, Teheran oder São Paulo wäre er es allerdings genauso gewesen. Halle Berrys Nase, die sinnlichen Lippen von Megan Fox sowie der sehr runde Po von Jennifer Lopez gelten auch dort als ideal.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Darin besteht ja die Logik einer globalisierten Welt: Wir wissen ziemlich genau, wie ein Burger von McDonald’s zu schmecken hat, ganz gleich, in welchem Winkel der Welt wir ihn essen. Mit der Vorstellung, wie die perfekte Nase beschaffen ist, verhält es sich ähnlich. Beides, Burger wie Nase, sind westliche Exportgüter. Die Kreise, die sie ziehen, weiten sich unaufhörlich. Für Diamond, so sagte er der Zeitschrift „The Atlantic“, war diese Passgenauigkeit von Verschönerungswünschen trotz aller Globalisierungsgesetzmäßigkeiten ein Schock.

          Globale Giganten

          Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass kulturelle Eigenheiten irgendwann komplett verschwinden werden. Nehmen wir die Japanerinnen, die selbst bei absurd heißen Temperaturen zum Schutz ihrer Blässe meist langärmelige Oberteile tragen, ungesunde Bleichcremes verwenden und sich gern auch bei bewölktem Himmel unter einem Sonnenschirm verstecken. Währenddessen drucken hierzulande Lifestylemagazine seitenweise Tipps zur Bräunung, und man wird schief angesehen, falls die Haut nach einem zweiwöchigen Sommerurlaub nicht erheblich dunkler ist als zuvor. Daran, dass die Angleichung von Schönheitsidealen, die mit einer Ökonomisierung des Körpers einhergeht, sich atemberaubend beschleunigt hat, ändert das allerdings nichts.

          Die Maßstäbe werden nicht zufällig in Europa und Amerika gesetzt. Die Schönheitsindustrie hat die Grundlagen zur globalen Standardisierung von Schönheitsbildern bereits vor Jahrzehnten gelegt. Die Hauptprotagonisten heißen L’Oreal sowie Procter&Gamble. In den achtziger Jahren war der Einflussradius beider Unternehmen noch hauptsächlich auf ihre heimischen Absatzmärkte beschränkt. Das änderte sich in den Neunzigern. Sowohl L’Oreal als auch Procter&Gamble kauften nach und nach Firmen fern der Heimat auf. Heute sind sie globale Giganten.

          Marktwertsteigerung durch optische Generalüberholung

          Schätzungen zufolge lassen in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen pro Jahr schönheitschirurgische Maßnahmen an sich vornehmen. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl verdreifacht. Der Anteil der Männer, der derzeit bei etwa zwanzig Prozent liegt, steigt kontinuierlich. Die Vermarktung des Körpers ist geschlechterübergreifend. Es ist inzwischen vollkommen normal, dass Hautarztpraxen in ihren Wartezimmern für Botox-, Hyaluron- oder Laserbehandlungen werben und auf die Abbildung finsterer Ekzeme lieber verzichten. In den Körper zu investieren, so wird permanent suggeriert, lohnt sich irgendwann in barer Münze, etwa wenn es darum geht, auf dem Karriereweg voranzukommen.

          Der Begriff „Schönheitswahn“, der oft reflexartig fällt, sobald das Feld der ästhetischen Chirurgie gestreift wird, trifft dabei nicht einmal die halbe Wahrheit. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Fühle ich mich nach der Körperoptimierung schöner als vorher, sie lautet: Wie sehr steigert ein tränensackfreies, botoxgestrafftes Gesicht meinen Marktwert? Wie viel ist die optisch zurückgewonnene Vitalität im Arbeitsleben wert? Ein bekannter plastischer Chirurg aus New York bringt die zugespitzten Wettbewerbsbedingungen auf den Punkt. Arbeitslosen, die einen Job suchen, um den sie mit zehn, zwanzig Jahre jüngeren Bewerbern konkurrieren, bietet er das „Job Fighter Package“ an. Die optische Generalüberholung (vor allem Faltenglättung) ist freilich ein trügerisches Versprechen. Dazu passt, dass das von der Krise gezeichnete Griechenland im internationalen Ranking der Schönheitsoperationen laut der International Society of Aesthetic Plastic Surgery einen Spitzenplatz einnimmt. Es wird an Kleidung gespart, an Essen und Urlaubsreisen, aber eben nicht an der Ich-Vermarktung.

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