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Russland : Tod in Moskau

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Dazu würde man aus der Rinde unseres Planeten alle Atome und Moleküle bergen, aus denen die Körper unserer Ahnen einst bestanden. Auch ihr Geist solle durch historische Forschungen wiederbelebt werden. Die Millionen und Abermillionen von Ahnen und Nachkommen, die sich dann endlich umschlingen würden, wären aber zu viele für unsere Erde. Daher stellt Fjodorow der verbrüderten Menschheit als dritte Aufgabe, den Kosmos zu erschließen.

Viele Zeitgenossen hielten den Begründer der Philosophie des russischen Kosmismus für einen heiligen Narren. Fjodorow gab sein Geld für Bücher aus, er besaß nie einen Wintermantel und starb an der Folgen einer Erkältung. Er wäre bestürzt gewesen über die Kondolenz-SMS, die mir ein deutscher Schriftsteller schickte: Es sei schon verrückt, dass das Natürlichste im Leben so traurig ist! Fjodorow weigerte sich, das Natürliche zu akzeptieren. Der westliche Pragmatismus war ihm zu feige. Er sah auch wenig Sinn darin, die despotische Regierungsform zu demokratisieren. Der Zar war für Fjodorow als Gegner zu klein, sein Gegner war der Tod.

Zwischen Kosmos und Krebs

Heute will dieser Staat sich jedes Toten sogleich bemächtigen. Nur Stunden nach Vaters Tod kam ein Arzthelfer, ein junger Mann in blauer Uniform mit langen Haaren und Hornbrille. Ich solle die Pflaster abnehmen und zur Medizinbehörde zurückbringen, mahnte er. Sonst würde ich im Knast landen. Dann klingelte die Polizei an der Tür. Ein verschlafener Beamter hob die Decke über dem kalt werdenden Körper meines Vaters an und betrachtete die bis zur Decke reichenden Bücherregale. Dann setzte er sich an den Küchentisch und füllte eine halbe Stunde lang einen Stapel Formulare aus.

Wie kann einer weiterleben, dessen Vater gestorben ist? fragte Fjodorow. Mein Vater starb vier Monate vor Beginn des Kriegs gegen die Ukraine. Der hätte ihn nicht überrascht. Als ich dreizehn war, erzählte mir Vater zum ersten Mal, in was für einem Staat wir leben. „Übertreibe bitte nicht“, erwiderte ich wie ein Erwachsener, und als ich erwachsen wurde, sagte ich ihm das immer. Mein Vater nahm nie an der Protestbewegung sowjetischer Dissidenten teil, obwohl er viele von ihnen kannte. „Ich führe keinen Krieg mit einem Atomstaat“, sagte er. Auswandern wollte mein Vater dennoch nicht. Er lebte ja nicht im Russland Stalins, Breschnews, Putins. Seine Heimat war das Russland von Nikolaj Fjodorow.

Dieses Russland kann genauso radikal sein, wie sein Regime absolutistisch ist. Fjodorows Nachfolger setzten seine Visionen nach und nach in die Praxis um, bis die ersten Weltraumraketen Sputniks und Kosmonauten ins All brachten. Fjodorows Russland ist gelebte Utopie. Wenn Stalin oder Putin von Raketen träumten, dann von Langstreckenwaffen mit Atomsprengköpfen. Die Kremlherrscher waren für meinen Vater immer nur „Ganoven“. Er nannte sie nie bei ihren Namen, so wie man das Wort Krebs nicht ausspricht.

Es kamen zwei Sanitäter, um die Leiche meines Vaters abzuholen. Das für ihn vorgesehene Leichenhaus lag in einer entfernten Vorstadt, es war nicht möglich, ihn in ein näheres zu bringen oder ihn auch nur einen Tag zu Hause zu behalten. „Haben Sie die Pflaster abgenommen?“, fragte mich der ältere der beiden Sanitäter, der nett sein wollte. Dann packten sie Vater in einen schwarzen Sack wie ein Verkehrsunfallopfer und schafften ihn fort. Als sie sich draußen vor dem Haus unbeobachtet glaubten, schleiften sie den Körper wie einen Kartoffelsack über den Asphalt. Der Staat holte den Staatsfeind am Ende ein. Und sein Land lebt weiter zwischen Kosmos und Krebs.

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