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Russland : Tod in Moskau

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Das ist das russische Herrschaftsprinzip. Mein Vater versuchte, mit dem Regime so wenig wie möglich in Berührung zu kommen. Einmal bekam er ein Angebot, das man kaum ablehnen konnte. Er sollte in die Staatspartei eintreten. Mein Vater antwortete: „Verpisst euch!“ Das Ende seiner Karriere nahm er in Kauf, fortan arbeitete er als schlechtbezahlter Ingenieur. Mein Vater versuchte, die Utopie zu leben, er wagte es, frei zu sein in einem totalitären Staat, dessen Metastasen in jede Zelle der Gesellschaft hineinwuchsen.

Er hätte gern eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen, aber Kunst und Film waren wichtig für die Staatspropaganda und Volksfeinden verschlossen. Nach dem Ende der Sowjetunion erfüllte er sich seinen Traum und wurde Vorstand eines Vereins von Kunstwissenschaftlern. Putins wieder erstarkter Staat konnte ihm nichts antun, bis er im Sterben lag.

Wie in den ärmsten Ländern der Welt

Schließlich verschrieb der Onkologe meinem Vater die kleinstmögliche Dosis. In den Formularen, die ich unterschreiben musste, wurde mir bei Missbrauch mit Strafverfolgung gedroht. Es folgten Unterschriften, Stempel, und ich wurde ins dritte Krankenhaus geschickt. Dort gab es noch drei Stempel und Unterschriften von der Oberschwester und der Buchhaltung. Beschleunigen konnte man nichts, alle sagten nur: „Wollen Sie mich in den Knast bringen?“ Als ich endlich alle Stempel für das Morphin hatte, fuhr ich zu einer Sonderapotheke. Die Betäubungspflaster, die ich dort bekam, müsse ich nach Gebrauch bei der zuständigen Stelle abgeben, schärfte mir die Apothekerin ein.

„Kleine Augen, zerfurchte Haut, einen Schnauzer“ - Josef Stalin, das alte Gesicht des menschenfeindlichen Staates.

Es gab in Russland immer Menschen, die den Staat wie einen bösartigen Tumor behandeln oder ganz entfernen wollten. Je bösartiger der Staat, desto vehementer war der Drang nach Heilung, der Traum von der Befreiung vom Leid. Unter diesen Umstürzlern und Utopisten war ein Philosoph, der zu Leo Tolstois Zeit als unscheinbarer Bibliothekar in Moskau lebte und viel radikaler war als alle Tolstois, Bakunins und Lenins. Nikolaj Fjodorow, so hieß der bis heute verehrte Denker, nannte den Zarenstaat eine „todbringende Kraft“. Gleichzeitig glaubte Fjodorow, dass nur die russische Autokratie in der Lage sei, die wichtigste Aufgabe der Menschheit zu verwirklichen: den Tod abzuschaffen.

Meines Vaters Schmerzen wurden bald so stark, dass die niedrigdosierten Pflaster verbraucht waren. Doch ein neuer Gang durch die Behörden war nicht nötig. Mein Vater starb. Der Tod ist überall gleich, unterschiedlich ist das Sterben. Sogar in vielen der ärmsten Länder der Welt ist die palliative Hilfe besser entwickelt als im ölreichen Russland. Für Nikolaj Fjodorow wäre freilich selbst ein solcher Fortschritt zu wenig gewesen. Kein moralischer Mensch könne sich damit abfinden, dass unsere Ahnen tot sind, meinte er. Also stünden wir vor der Wahl, entweder den Gestorbenen ihr Leben zurückzugeben oder selbst zu sterben. Fjodorow hat der russischen Revolution und der Avantgarde vorgemacht, das Unmögliche zu wagen.

Der Glauben an den heiligen Narren

Die Menschen würden nur dann Brüder, lehrte der rebellische Schüler der Aufklärung, wenn sie für ein gemeinsames Projekt zusammenfänden. Als Erstes müsse man die „technologischen, sozialen und politischen Bedingungen schaffen, die es ermöglichen würden, alle Menschen, die je gelebt haben, auf technische, künstliche Weise wiederauferstehen zu lassen“.

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