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Schlossabriss : Herostratosphäre

Ob Troja oder Karthago: Statt großer Baumeister preisen wir häufig die großen Zerstörer. In Frankreich kam jetzt eine Gruppe polnischer Restauratoren zu hohem Ruhm.

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          Im vergangenen Jahr bibberten wir vor dem endgültigen Wegfall der Freizügigkeitsbeschränkungen für Arbeitnehmer aus dem EU-Mitgliedsland Polen, weil dort angeblich Millionen von bestens ausgebildeten Fachleuten nur darauf warteten, sofort nach Inkrafttreten der Freizügigkeit die deutschen Baumärkte zu überschwemmen und als Klempner, Fliesenleger, Anstreicher, Stukkateure oder Zimmerleute die teurere einheimische Konkurrenz zu ruinieren.

          Schlagendes Argument für diese Panik waren die polnischen Restauratoren, die seit den achtziger Jahren, also schon zu Zeiten des Kommunismus, nahezu alle anspruchsvollen Tätigkeiten bei der Erhaltung und Wiederherstellung alter Bausubstanz in Westeuropa übernommen hatten. Motto: Wir retten eure Häuser und machen eure Baubranche kaputt. Das war Unsinn, denn es gab in Westeuropa damals kaum noch Fachleute für Restaurierungen, während in Polen - nicht zuletzt bedingt durch das verzweifelte Bemühen, nach der Zerstörung des Landes im Zweiten Weltkrieg so viel wie möglich von der eigenen Identität durch Rekonstruktion wiederzugewinnen - auf diesem Feld exzellent ausgebildet worden war.

          Fein säuberliche Zerstörung

          Doch Tempi passati. Aus dem äußersten Westen des Kontinents, aus dem französischen Département Gironde, ganz genau gesprochen: aus dem 2500-Seelen-Städtchen Yvrac direkt neben Bordeaux, erreicht uns die Meldung, dass dort ein Schloss abgerissen worden ist. Von polnischen Restauratoren. Die angeheuert worden waren, um das Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert wieder auf Vordermann zu bringen, sich dann aber bemüßigt fanden, es abzutragen. Nun wissen wir aus der Menschheitsgeschichte - Troja! Karthago! Tenochtitlán! Sechs der sieben Weltwunder! -, dass man nicht die Taten großer Baumeister preist, sondern die der großen Zerstörer.

          Und so mag jetzt auch die polnische Restaurierungstruppe im Geiste Herostrats den Weg zur Unsterblichkeit gefunden haben, da mag der russische Eigentümer des Schlosses von Yvrac, der sein neuerworbenes Kleinod herrichten lassen wollte, noch so enttäuscht von ihrem Berufsethos sein. Und seine Polen zerstörten ja nicht blindlings: Fein säuberlich liegt das Material noch in Yvrac parat. Nunmehr gilt also das Motto: Wir machen eure Häuser kaputt und retten eure Baubranche. Der reiche russische Geschäftsmann will das Schloss wieder aufbauen lassen. Und dreimal dürfen Sie raten, woher die damit befassten Fachleute nicht kommen werden.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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