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Schloß Bellevue : Mehr Königin Luise als Kaiser Wilhelm

  • -Aktualisiert am

Erste Besucher im „neuen” Schloß Bellevue Bild: AP

Der Schlüssel ist übergeben, nach anderthalb Jahren Renovierung ist Schloß Bellevue wieder der offizielle Amtssitz des Bundespräsidenten. Hunderte Schaulustige warteten am Sonntag geduldig auf Einlaß beim Tag der offenen Tür.

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          Die Entscheidung, Schloß Bellevue dauerhaft zum Amtssitz des Bundespräsidenten zu machen, gehört wohl zu den glücklichsten des Berlin-Umzugs. Reichlich zehn Jahre nach dem 1994 gefaßten Beschluß ist der zierliche Bau am Westrand des Tiergartens wie selbstverständlich zum Quartier des Staatsoberhaupts geworden, als hätte kein Präsident je anderswo residiert.

          Die Bonner Villa Hammerschmidt ist ebenso vergessen wie der seinerzeit eine Weile lang von Richard von Weizsäcker erwogene Plan, statt ins Grüne tiefer ins historische Zentrum Berlins, in das Kronprinzenpalais Unter den Linden zu ziehen. Die Idee, die auf Drängen von Sicherheitsberatern wieder verworfen wurde, mutet heute nur mehr wie ein gedanklicher Umweg zum Naheliegenden an: nach Bellevue eben.

          Die 1786 von Michael Philipp Boumann für den Prinzen Ferdinand von Preußen errichtete Dreiflügelanlage nämlich bietet einen Rahmen für das Wirken des ersten Staatsmannes der Republik, das kein Bühnenbildner besser hätte erfinden können: ein edles Haus im Park, repräsentativ, aber nicht pompös, vornehm, ohne einzuschüchtern, alt, aber nicht verzopft. Mehr Königin Luise als Kaiser Wilhelm gewissermaßen, ein Preußen allemal, dessen Erbe anzunehmen nicht schwerfällt.

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          Schloß Bellevue : Mehr Königin Luise als Kaiser Wilhelm

          Turbulente Nutzungsgeschichte

          Dabei ist es eigentlich nur das Äußere, die langgestreckte, zweigeschossige frühklassizistische Fassade mit dem kräftigen Mittelrisalit, das tatsächlich noch etwas von dem Anblick vermittelt, den auch die Bürger Preußens vor Augen hatten, als sie im Tiergarten spazierengingen. Im Innern hingegen ist Schloß Bellevue im Laufe einer turbulenten Nutzungsgeschichte so häufig umgebaut und neu dekoriert worden, daß von der Originalsubstanz kaum mehr etwas übriggeblieben ist.

          In einem schönen, gerade bei Koehler & Amelang verlegten Band hat der Berliner Kunsthistoriker Ernst Busche die Vergangenheit des Schlosses kompetent nachgezeichnet. Als „Prinzliches Lustschloß“ und königlicher Landsitz hat das Ensemble am Spreeufer gedient, umrahmt von allerlei Gewächshäusern, Gartensalons und einer „Meierei“ nach Entwürfen von Friedrich Gilly; von 1844 bis 1865 residierte eine „Vaterländische Galerie“ im Schloß, ehe es wieder vom Hof genutzt wurde; nach 1918 stand das Hauptgebäude jahrelang leer, große Teile der Innenausstattung wurden in Eisenbahnwaggons nach Holland, ins kaiserliche Exil, geschafft, in den Seitenflügel quartierten sich Mieter ein. Im Oktober 1935 wurde in Bellevue das „Staatliche Museum für Deutsche Volkskunde“ untergebracht, drei Jahre später begann der aufwendige Umbau zum Gästehaus des Dritten Reichs, den der Architekt Paul Baumgarten leitete, ehe im April 1941 Brandbomben im Schloß einschlugen und es schwer beschädigten.

          Vom Abriß bedroht

          Einige Zeit sogar vom Abriß bedroht, wurde Bellevue nach Kriegsende zunächst notdürftig gesichert und 1957 zum Berliner Sitz des Bundespräsidenten bestimmt, was eine Neugestaltung auslöste, die hinter den Außenmauern vollends nichts mehr beim alten beließ. Treppenhäuser wurden verschoben wie Figuren über ein Schachbrett, Zwischendecken herausgebrochen und dem Inneren ein Nierentisch-Chic angetan, den Ulrich Conrads in der „Bauwelt“ treffend als Mischung aus „Filmstar-Sanatorium und Eisdiele“ verspottete. Lediglich das kunsthistorisch Allerheiligste, der ovale Langhans-Saal im Obergeschoß, blieb unangetastet und überstand auch alle weiteren Modernisierungsschübe, die fortan fast im Zehnjahresrhythmus über das Schloß kamen. Die vorerst letzte Sanierung, eine technische Totalüberholung für knapp fünfundzwanzig Millionen Euro, wird morgen offiziell abgeschlossen.

          Am Sonntag morgen soll Schloß Bellevue in einer kleinen Zeremonie an seinen Nutzer Horst Köhler zurückgegeben werden, der während der Arbeiten vorübergehend Unterkunft im Schloß Charlottenburg gefunden hatte. Interessierte Bürger sind von 10 bis 18 Uhr eingeladen, das Gebäude zu besichtigen, sofern sie ihren Personalausweis nicht vergessen. Wie genau auch immer sie aber hinschauen werden, die Mehrzahl der Eingriffe und Umbauten wird ihnen verborgen bleiben. Mit erheblichem Aufwand nämlich haben sich Bauherren und Handwerker bemüht, die neue Klimaanlage, die verbesserte Sicherheitstechnik, die ausgewechselten Wasserleitungen und bequemeren Fahrstühle gleichsam unsichtbar zu machen.

          Ausnahmsweise unverändert

          Äußeres und inneres Erscheinungsbild von Bellevue, so die Vorgabe, sollten - ausnahmsweise einmal - unverändert bleiben. Auffälligste Änderung ist daher der Einbau eines eigenen Bürotrakts für die Gattin des Bundespräsidenten und deren Mitarbeiter im Südflügel des Schlosses, dort, wo sich bis zum Umbau die Wohnung des Staatsoberhaupts befand. Die wurde nun aufgegeben. Der Präsident wohnt schon seit einer Weile draußen im stillen Dahlem in einer Amtsvilla, die zunächst dem Bundeskanzler gedient hatte.

          Die Repräsentationsräume in Bellevue hingegen zeigen sich unverändert in der Gestalt, die sie beim letzten großen Umbau Mitte der achtziger Jahre erhalten hatten, als der Fifties-Look zugunsten einer Dekoration zurückgedrängt wurde, die sich mit filigranem Stuck und neu-alten Leuchtern behutsam der äußeren Gestalt des Schlosses anzunähern versuchte. Entstanden ist damals ein dezenter Rahmen, der niemanden stören kann, schon weil er, wie Ernst Busche richtig schreibt, „einfach nicht weiter auffällt“. Auch diese Dezenz dürfte erheblich zur allgemeinen Popularität von Schloß Bellevue beigetragen haben.

          Dort wird ein modern nachempfundener, gleichsam synthetischer, jedenfalls historisch dekontaminierter Klassizismus gepflegt, der hübsch aussieht, eine gewisse unbestimmte Würde vermittelt und ganz gewiß keine Ängste auslöst. Auch in der Berliner Republik ist das immer noch ganz selbstverständlich der ideale architektonische Hintergrund für ein Staatsoberhaupt.

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