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Ästhetik des Stotterns : Wenn die Sprache ins Schlingern gerät

  • -Aktualisiert am

Colin Firth als stotternder Herzog von York in „The King’s Speech“ Bild: Senator Film Verleih

Über das Phänomen des Stotterns gibt es logopädische Fachliteratur zuhauf. Doch es lohnt sich, das semantische Stolpern einmal nicht aus medizinischem Blickwinkel zu betrachten.

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          Jetzt endlich weiß ich, was alles nicht Stottern ist. Schwitters’ Ursonate ist kein Stottern. Stoibers Stammeln ist auch kein Stottern. Das Dauerstolpern durch den Text von Helge Schneider ist schon mal gar kein Stottern. Bei der Punkband „The Fall“ kann man davon ausgehen, dass das, was man da hört, weniger ein Stottern ist, als ein Insistieren auf einer sprachlichen Dysfunktion. David Bowie ist zu kalkuliert in seinem Stottern, „Changes“ eine zu poppige Stotterversion, der Song zeigt immerhin die Spannung, das Explosive, das dem Stottern zugesprochen wird. Es ist neben „Psycho Killer“ von Talking Heads und „My Generation“ von The Who trotzdem der bekannteste gestotterte Song. Aber Stottern ist es eben nicht, wenn der Kontrollverlust nicht einsetzt, wenn die Spannung fehlt. Stottern ist auch nicht, wenn es sich nur um eine stakkatoartige Anordnung des Materials handelt.

          Ein gewisses Wiederholungsmoment gehört hinein, aber das allein reicht nicht, da muss Druck dazukommen. An meinem zweiten Abend über das Stottern im Centraltheater Leipzig zusammen mit Wolfram Lotz bleibt eigentlich nur unklar, ob Stottern heute noch erwünscht ist, ob es dem postbürgerlichen Gebot öffentlicher Rede widerspricht oder Unterhaltungswert besitzt. Auch an diesem Abend sollte es nicht um das pathologische Verständnis von Stottern gehen, sondern um Stottern als ästhetische und mediale Schrift, doch auch diesmal wird klar, wie schwierig diese Referenz auf eine menschliche Devianz von ihrer Pathologisierung zu trennen ist. Der sich zunächst öffnenden Definitionsbewegung, was alles in der Kunst und als mediales Zeichen unter Stottern subsumiert werden könnte, schloss sich schnell die gegenteilige an, nämlich genau zu umreißen, was dem klinischen Bild nahekommt, und gerade in ihm wieder stecken zu bleiben. Beim öffentlichen Stottern ist für mich insofern diesbezüglich das Phänomen Edmund Stoiber interessanter als der grüne Politiker Malte Spitz, nicht nur, weil die Inhalte sprechender sind, sondern weil bei Stoiber die politische Sprache selbst zu stottern scheint und nicht nur ihr Sprecher.

          Doch den Leerlauf politischer Rede zu markieren, ist seit Stoibers Rückzug schwieriger geworden, als wäre sie allgemein zu substanzlos, übergelaufen zu einer Form des Sprechens in Redundanzen, in holpernder Taktung, die sich allenfalls rechtspopulistisch wenden lässt. Stottern muss auffallen, wäre eine These, die mir seltsamerweise noch nicht untergekommen ist - weil es bisher nicht nötig war. Der Effekt des Stotterns ist insofern ebenfalls wie die stimmliche Inszenierung dem historischen Prozess unterworfen, so ist etwa heute nicht mehr verständlich, dass The Whos „My Generation“ von der BBC 1965 nicht ausgestrahlt wurde, um die Gefühle der Stotterer nicht zu verletzen. Heute werden entweder Gefühle verletzt oder eine moderate Form des Stotterns als Teil der natürlichen Redeinszenierung wahrgenommen. Die Kluft, die sich zwischen Körperlichkeit und Geist, Form und Inhalt auftut, ist als Skandal längst vergessen.

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