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Operndorf in Afrika : Schlingensiefs Traum

  • -Aktualisiert am
Pause vor dem Schulgebäude

Musik und Tanz sind die traditionellen afrikanischen Kunstformen, sagt Sévérin Sobgo. Der junge Mann, der als Assistent hier arbeitet, hat Schlingensief während dessen ersten Reise nach Burkina Faso kennengelernt. In fließendem Deutsch erläutert er die Idee des Operndorfs: „Durch die Kinder lernen auch wir unsere Kultur.“ Die Vorstellung, die viele Europäer von Afrika hätten, dass dort nur Hungersnot und Armut herrschten, habe Schlingensief mit seinem Wunsch widerlegt, von Afrikas reichhaltiger Kultur zu stehlen. Sobgo hat während seiner Zeit als Praktikant am Verbindungsbüro des Goethe Instituts in Ouagadougou für Schlingensief übersetzt. Heute sorgt er für den Kontakt zwischen den Operndorf-Teams in Deutschland und vor Ort. Der Regisseur und seine Ideen sind ihm noch ganz präsent.

Dem Leiter der Schule, Abdoulaye Ouedraogo, schaut Schlingensief von einem Poster herab über die Schulter. Ouedraogo sitzt an seinem Schreibtisch im Lehrerzimmer und füllt ein Formular aus. Sich um die Verwaltung zu kümmern gehört zu seinem Job. Als Künstler verfolgt er einen theaterpädagogischen Ansatz, der Stimm- und Körpertraining umfasst. Er musiziert auch mit den Kindern. Die Frage, was genau denn die Oper in diesem Operndorf sei, amüsiert ihn. „Für uns gibt es da eine einfache Antwort“, sagt er. Das Operndorf, das sei vor allem die Schule. Sie verbinde Kunst und Leben. Denn von der Kunst lerne man doch das Savoir-vivre und die Moral. Ja, das Dorf sei eine Art Gesamtkunstwerk, und das Kunstschaffen verwandele das Leben der Kinder.

Mit elitären Vorstellungen hat dieser Gesamtkunstwerkbegriff nichts zu tun. Für Schlingensief war ein Gesamtkunstwerk ohnehin die Verbindung von Kunst und Leben. Das mag man in der Tradition des jungen Revolutionärs Richard Wagner sehen, der im Gesamtkunstwerk ein Vehikel für gesellschaftliche Gerechtigkeit sah. Doch all das sind sehr europäische Überlegungen. Was erhofft man sich in Burkina Faso vom Operndorf? Darüber kann der burkinische Journalist Jérôme William Bationo Auskunft geben. Der Name Richard Wagner sagt ihm nicht viel. Bationo schreibt auf seinem Blog über das Operndorf. Er finde dessen Konzept grandios, sagt er bei einem Treffen in Ouagadougou, und wünsche sich, dass es noch mehr lokale Künstler anziehe, um es bekannter im Land zu machen. Die im Dorf praktizierte Verbindung von Kunst und Leben entspreche genau der afrikanischen Kultur, sagt er und spricht über die Griots - Sänger, die Geschichten von einer Generation an die nächste weitergeben. Begleitet wird der Griot von Instrumenten wie der Kora, einem Saiteninstrument, Trommeln oder dem an ein Xylophon erinnernden Balafon. Ein Balafon steht auch in einem der Klassenräume des Operndorfs.

„Ein Werk des Charakters“ nennt Bationo das Projekt. Es geht im Operndorf nicht darum, die nächste Generation Opernsänger heranzuziehen. Sondern darum, dass Kinder spielerisch, aber mit wachsendem Selbstbewusstsein ihre eigene Kultur zur Darstellung bringen. Wenn das gelingt, ist es nicht nur das Werk eines Charakters namens Christoph Schlingensief. Sondern das der vielfältigen kindlichen Charaktere im Dorf.

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