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Operndorf in Afrika : Schlingensiefs Traum

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Noch ist Mittagspause an der „Ecole de Village Opéra“. Vier etwa zehnjährige Mädchen haben sich im Schatten eines Baums am Rande des Fußballfeldes niedergelassen, dessen Markierungen aus Steinen gelegt sind. „Pas de photos“, bitte keine Fotos, rufen die Schülerinnen, von denen zwei afrikanische Stoffe tragen und die beiden anderen Jeans. Normalerweise wird an burkinischen Grundschulen ein autoritärer Erziehungsstil gepflegt. Das selbstbewusste Auftreten der vier Mädchen wirkt wie ein erster Hinweis, dass es hier anders zugeht. Die Schüler im Operndorf durchlaufen nicht nur das normale Curriculum, sondern nehmen zusätzlich an Kunstklassen und Workshops teil, in denen sie ihre Kreativität entfalten können und zu selbständigen Persönlichkeiten heranwachsen sollen.

Orthographiestunde im Klassenzimmer

Das künstlerische Angebot ist vielfältig. Es reicht von traditioneller afrikanischer Musik über Rap bis zur bildenden Kunst. Der burkinische Rapper Smokey hat Kurse im Operndorf abgehalten, es finden Märchenlesungen, Filmabende und Konzerte statt. Die deutsche Fotografin Marie Köhler verbrachte mehrere Monate an der Schule und lehrte die Kinder fotografieren. Im Gegenzug lernte sie Mooré - die Muttersprache der meisten Schüler, die erst im Unterricht Französisch lernen. Ganz im Sinne des Filmemachers Schlingensief gibt es im Operndorf auch Kameras, mit denen die Kinder ihren Blick auf das Leben in Burkina Faso festhalten können. Das dreht die Perspektive um: Die afrikanischen Kinder machen sich ihr Bild von sich selbst - nicht die „Weißnasen“, wie Schlingensief Europäer nannte, von ihnen. Oder erst nachdem die Kinder sie dazu eingeladen haben, wie es die vier vom Fußballplatz später tun. Lächelnd posieren sie vor der Kamera.

Ein Gong ruft zum Nachmittagsunterricht. Aus allen Richtungen stürmen die Kinder in das Gebäude. 250 Schüler besuchen die Schule. 125 Mädchen und 125 Jungen werden in fünf Klassen unterrichtet. Das Team des Operndorfs achtet akribisch auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Wenn im Herbst 2016 die nächsten fünfzig Schüler eingeschult werden, ist die Schule komplett und vereint wie jede burkinische Grundschule sechs Jahrgangsstufen. Im Gebäude ist es angenehm kühl. Der Architekt Francis Kéré hat auf Materialien wie Lehm, Holz und Stein gesetzt, die auf natürliche Weise klimatisieren. Morgens geht der Unterricht um halb acht los. Bevor die Kinder aus den umliegenden Dörfern zur Schule kommen, haben viele von ihnen schon zu Hause geholfen. Fast alle stammen aus Bauernfamilien, in denen jede Hand gebraucht wird. Umso wichtiger ist es, dass sie in der dreistündigen Mittagspause ein kostenfreies Mittagessen bekommen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und macht es den Eltern leichter, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

Wenn Moussa Sawadogo, der Lehrer der Klasse 2 E, den Raum betritt, stehen alle fünfzig Schüler von den Holzbänken auf, die sich um kleine Tische gruppieren. Durch die grüngestrichenen Fensterläden scheint die Sonne in die Klasse. Beim Mathematikunterricht haben die Kinder ihre Aufgabe so schnell lösen können, dass sie, mit den Fingern schnipsend, „moi, moi, moi!“ rufen, um dranzukommen. Bei fünfzig Kindern die Übersicht zu behalten ist da nicht einfach. Danach steht Vorlesen auf dem Stundenplan. Die Kinder melodisieren das Französische wie einen Singsang. Die Sprachmelodie stammt aus dem Mooré. Das Musikalische ist der afrikanischen Kultur so inhärent, dass es sich sogar in der Sprache ausdrückt.

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