https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/schlaeft-ein-lied-in-allen-stuehlen-17676129.html

Nevin Aladağ in München : Schläft ein Lied in allen Stühlen

Hier spielt die Stadt den Blues auf der Mundharmonika: Nevin Aladağs „Voice Over“ (Videostill-Ausschnitt) von 2006. Bild: Nevin Aladağ/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Es tönen die Möbel und porträtieren die Räume: Die Künstlerin Nevin Aladağ bringt die Villa Stück in München zum Klingen.

          5 Min.

          Warum singt der hier? Das ist doch ein Museum!“ So hört man eine Elfjährige den Vater fragen. Nun passt aber weder die Deutschtürkin Nevin Aladağ mit ihrem Video „Voice over“ des lauthals singenden Jungen in herkömmliche Sparten der Kunst noch der Ort der ersten Retrospektive, die der Neunundvierzigjährigen gewidmet ist: Man wandelt durch die steininkrustierten und goldmosaizierten Gesamtkunstwerksräu­me der Villa Stuck in München.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Für Aladağ lässt sich kaum ein besserer Rahmen denken als die 1897 nach Plänen des Malerfürsten Franz von Stuck in der ba­yerischen Kunstmetropole errichtete Vil­la. Von Beginn an bewegte sich die Meisterschülerin Olaf Metzels, auch er ein Vielseitigkeitsreiter der Bildhauerei, zwischen den Medien Kunst und Musik. Seit den Neunzigern baut sie klingende Möbel und Gegenstände, mit denen sie ihre Sozialisation in einer kurdischen Familie in die Jetztzeit transferiert. Gesang und Musik ge­hören dort unabdingbar zum sozialen Ge­füge; vor und nach dem Essen, währenddessen sowie nach dem anschließenden Beisammensein wird musiziert und durch Klatschen rhythmisch begleitet.

          Nicht nur Beethoven hätte diese Klänge „sehen“ können: Installationsansicht von Nevin Aladağs Aufmöbelung des Musikzimmers der Villa Stuck, darunter rechts der pythagoreische Hocker aus dem „Music Room Athens“ von 2017. Bilderstrecke
          Nevin Aladağ in Villa Stuck : Klangporträts und Kakophonien

          Mit ihrem besonderen Gespür für die Rhythmisierung von Skulpturen fiel Aladağ in der Klasse Metzel früh auf; im Grunde nur konsequent übertrug sie diese Idee bald schon auf vorgefundene Gegenstände und Möbelstücke. Wie klingt ein Stuhl? Was könnte sie einem Beistelltisch an Geräuschen und damit Geschichten ent­locken? Hier trifft sich der Glaube an die Belebtheit aller Dinge aus Tausendund­einer Nacht (fliegende Teppiche, wunschgewährende Öllampen) mit der grundsätzlichen Beseeltheit der Natur in der Romantik: Es schläft ein Lied in jedem Baum.

          So tritt man nun in das opulente Musikzimmer des Malerfürsten Franz von Stuck, an dessen Wänden die gipserne Toten­maske Beethovens ebenso prangen wie die Na­men von Bach, Mozart oder Haydn, und entdeckt erst beim zweiten Hinsehen die „Zutaten“ Aladağs in der Tiefe des Raums: Dort stehen diverse harfenbespannte Mö­bel wie der tönende Stuhl aus dem einstigen „Istanbul Music Room“ von 2014, der als organisch geschwungenes Bug­holzgebilde ohnehin schon eine Art Menschengestalt besitzt; um ihn zum Tönen zu bringen, müsste man nur noch einen Jacke über seine saitenbespannte Lehne werfen. Auch Aladağs „Athens Chair“ daneben, den sie für die letzte Do­cumenta 2017 in Athen als Komplementär zu Kassel baute, bleibt nicht stumm. Die nach Designikonen wie dem „Barcelona Chair“ Mies van der Rohes klingende Be­zeichnung „Athens Chair“ im Ohr, kann der Betrachter fast nicht anders, als sich vorzustellen, wie wohl das Hineinfläzen in den mit Harfensaiten aufgetakelten Stuhl-Hybrid klingen würde. Aber wieso hat die Künstlerin ihre Ausstellung „The Sound of Spaces“ genannt, wenn doch wie stets im Museum die Musik-Möbel nicht berührt werden dürfen?

          Die Klangobjekte werden in regelmä­ßigen Performances durchaus bespielt. Die subtilere Erklärung für den Titel „Der Klang von Räumen“ aber folgt im oberen Saal, dem Heiligtum der Villa Stuck. Hier hängen nicht nur etliche Gemälde ihres einstmaligen Besitzers wie der kleine Sa­tyrjunge, der auf der Syrinx spielt, während sich ein älterer Satyr daneben ge­quält die Ohren zuhält; sämtliche Bilder in diesem Raum beziehen sich auf griechisch-römische oder biblische Mythologie – und die ist inwendig voller Musik.

          Der Musenführer Apoll spielt die Lyra, bei der früh schon ein Schildkrötenpanzer mit Saiten bespannt wurde. Der römische Dichter Ovid schützt in zahlreichen seiner „Metamorphosen“ die Nymphen vor dem Zu­griff von Satyrn, indem sie in Schilfrohr und in eine Panflöte oder in Bäume verwandelt werden und dann auf ewig ihr Trauerweidenlied im Wind singen. Aladağ ihrerseits hält in „Voice over“ mit dem mu­sizierenden Jungen im Nebenraum eine Mundharmonika aus dem Autofenster und lässt durch den Fahrtwind die Natur tönen, genauso wie Regentropfen auf den ins Freie gestellten Snare-Drums und Schlagzeug-Becken eine eigentümlich menschliche Rhythmik erzeugen.

          Weitere Themen

          Kriminelle schneiden Banksy-Bild aus Hauswand

          Ukrainekrieg : Kriminelle schneiden Banksy-Bild aus Hauswand

          In der Ukraine ist kurz nach der Entstehung ein Bild des Streetart-Künstlers Banksy von Kriminellen aus der Wand geschnitten worden. Im Kiewer Vorort Hostomel haben Polizisten eine Gruppe von acht Personen festgenommen.

          Topmeldungen

          „Wir werden keinen einzigen Ukrainer in russischen Gefängnissen, Lagern und Haftanstalten zurücklassen. Wir denken an alle“, so Präsident Selenskyj.

          Die Lage im Krieg : Die Ukraine bangt um ihre Kriegsgefangenen

          Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenksyj feiert die Rückkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft – doch die Sorge um tausende noch Inhaftierte bleibt. Kiew will eine Sondertribunal für russische Kriegsverbrechen bilden. Der Überblick.
          Trotz guter Verbindungen verurteilt: Sijawudin Magomedow im Gerichtssaal

          Russlands Justiz : Loyalität schützt nicht vor Lagerhaft

          In Moskau ist der Prozess gegen die Brüder Magomedow zu Ende gegangen. Er zeigt, dass in Russland nicht nur Oppositionelle ins Gefängnis wandern. Auch systemtreue Unternehmer sind nicht vor Willkür gefeit.

          Schweizer Sieg gegen Serbien : Schweizer Fingerzeig

          Die Eidgenossen besiegen Serbien in einer höchst unterhaltsamen und zum Schluss hitzigen Partie mit 3:2 und schaffen es als Gruppenzweiter in die K.o.-Phase.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.