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Britisches Schimpfbarometer : Kraftausdrücke sind kein Problem, Beleidigungen schon

  • -Aktualisiert am

115 Variationen des F-Worts in einer vierzig Minuten langen Sendung: Der Starkoch Gordon Ramsay setzt Maßstäbe. Bild: AP

Regelmäßig untersucht die britische Medienaufsichtbehörde Ofcom „Einstellungen zu potentiell anstößiger Sprache und Gestik in Fernsehen und Hörfunk“. Ihre Studie spiegelt auch die Ungereimtheiten der politischen Korrektheit.

          Mary Whitehouse hat als Moralhüterin der britischen Nation viel Spott auf sich gezogen mit ihren von sogenannten Progressiven als altmodisch verpönten christlichen Werten. Die 2001 gestorbene Sekundarlehrerin hat fast vierzig Jahre lang einen Kreuzzug geführt gegen den durch die Medien geschürten Sittenverfall. Es war leicht, sich über ihre puritanische Aufgebrachtheit lustig zu machen. Obwohl viele sie als Ulkfigur sahen, setzte sie nach dreißig Jahren schließlich doch die Einrichtung einer Instanz für die Regulierung von Inhalten durch. Dennoch behielt sie recht mit der Prophezeiung, dass Sendungen künftig mit dem F-Wort übersät sein würden, wie zu dem Zeitpunkt mit dem als milder geltenden „bloody“.

          In einer vierzig Minuten langen Sendung des Starkochs Gordon Ramsay wurden wenige Jahre nach dem Tod von Mary Whitehouse 115 Variationen des F-Wortes registriert. Ihr Kreuzzug war ein Windmühlenkampf. Das bestätigen die Befunde der Medienaufsichtbehörde Ofcom in ihrem gerade veröffentlichten Bericht „Einstellungen zu potentiell anstößiger Sprache und Gestik in Fernsehen und Hörfunk“.

          Ein Spiegel der Ungereimtheiten politischer Korrektheit

          Ofcom überprüft alle fünf bis sechs Jahre seine sprachlichen Richtlinien im Lichte der jüngsten Wahrnehmungen, um das Gleichgewicht zu wahren zwischen dem Schutz vor ungerechtfertigten Beleidigungen und der Notwendigkeit, die Wirklichkeit zu spiegeln. Diesmal stellt die Behörde eine zunehmende Toleranz gegenüber Schimpfwörtern fest, zumal nach der Zeitgrenze von 21 Uhr, wenn weniger Rücksicht auf Kinder genommen werden muss. Dahingegen ist die Empfindlichkeit gegenüber Begriffen gestiegen, die als persönlich beleidigend empfunden werden, insbesondere wenn sie Minderheiten betreffen und als rassistisch und homophob gelten.

          Der Bericht basiert auf der Einschätzung von 248 Personen aus allen Schichten, Altersgruppen und Teilen den Vereinigten Königreiches, die 144 Wörter und sechs Gesten zu bewerten hatten. Viele davon waren den Teilnehmern nicht vertraut. Einige, darunter „Papist“, „Fenian“ (republikanische Iren), „Dago“ (Spanier), „Sambo“ (Neger), „Taff“ (Waliser) und „Wop“ (Itaker) hatten einen Erkennungswert von weniger als vierzig Prozent. Die Kränkung von alten Leuten erregte kurioserweise weniger Sorge. Das galt auch für die Begriffe „Kraut“ und „Hun“, die als milder eingestuft wurden als ähnliche Affronts gegen Japaner, Chinesen oder Pakistaner.

          Der Bericht wertet die geringere Akzeptanz für den diskrimierenden Sprachgebrauch gegenüber Minderheiten zu Recht als „klare Anerkennung des Wandels und der sich verändernden kulturellen Normen“. Das aktuelle „Barometer anstößiger Sprache“ - so bezeichnet Ofcom die Übung - spiegelt freilich auch die Ungereimtheiten der politischen Korrektheit, die sich in den letzten Tagen wieder ballen. Ein BBC-Mitarbeiter, der seit achtzehn Jahren an einer Hörfunksendung mitwirkt, behauptet, er sei mit der Begründung entlassen worden, dass mehr Frauen und Vielfalt erwünscht seien. Wäre man ihn losgeworden, weil er nichts tauge, hätte er sich damit abgefunden, meinte der Moderator, die Stellenvergabe nach Geschlecht und Hautfarbe betone jedoch bloß jene gesellschaftliche Spaltung, die das Gleichheitsbestreben zu beseitigen suche.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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