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Schillerpreis für Rachel Salamander : Sie überwindet die Gräben

Rachel Salamander Bild: SZ-Foto

Unermüdlich engagiert Rachel Salamander sich für eine Wiederbelebung des jüdischen Geisteslebens in Deutschland. Dafür erhält sie nun den Marbacher Schillerpreis.

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          Wer einmal in der Literaturhandlung in der Münchner Fürstenstraße zu Besuch war, um mit der Inhaberin ein Gespräch zu führen, wird schnell bemerkt haben, dass er Teil einer vielstimmigen Unterhaltung ist. Und dass er es mit etwas Größerem als einer gewöhnlichen Buchhandlung zu tun hat. Das Telefon klingelt ununterbrochen, und die gertenschlanke Frau mit dem mächtigen roten Lockenschopf gibt Anweisungen, Ratschläge, Hilfestellungen in ganz lebenspraktischen Dingen wie Pass- und Visumsangelegenheiten, Reiseempfehlungen, Ansprechpartnern, Telefonnummern. Zwischendrin auch Buchbestellungen. Rachel Salamander macht das jeden Tag so, seit dreißig Jahren. Sie war schon Multitaskerin, lange bevor die Vokabel geprägt wurde.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Den Laden in der Fürstenstraße gibt es nicht mehr. Einige Zeit nachdem im März 2007 das Jüdische Museum am Jakobsplatz eröffnet worden war, zog er dorthin um. Am Spirit und an der Präsenz seiner Gründerin hat sich indes nichts geändert - eher im Gegenteil: Die vielfach engagierte Rachel Salamander wird man auch heute nicht ans Telefon bekommen, ohne dass gleichzeitig im Hintergrund mindestens ein weiteres klingelt.

          Geboren wurde die resolute Bücher- und Menschensammlerin 1949 in einem „Displaced Persons Camp“ im niederbayerischen Deggendorf. Ihre Mutter Riva stammte aus Warschau, ihr Vater Samuel Salamander aus Lemberg, polnische Juden, die der Vernichtung durch die Nationalsozialisten entgangen waren. Fünf Jahre später stirbt die Mutter, der Rest der Familie landet in München, wo Rachel 1956 in eine deutsche Schule aufgenommen wird. Ein Jahr lang spricht sie kein Wort, denn ihre Muttersprache ist Jiddisch. Dann aber wird ihr München doch zur Heimat, und sie ist es geblieben; auch wenn es bis 1992 dauert, bis die „heimatlose Ausländerin“ deutsche Staatsbürgerin wird.

          Keine Duldsamkeit dem Dummen

          Nach der Promotion in Germanistik gründet Rachel Salamander 1982 jene „große Jüdische Buchhandlung für alle“, die heute sechs Dependancen hat, in Berlin, Dachau, Augsburg, Fürth, Würzburg und Dorsten. Ihr Ziel: Sie will die Lücke, welche die zwölf Jahre der braunen Diktatur ins deutsche Geistesleben gerissen haben, schließen helfen. Dazu organisiert sie Lesungen, Vortragsreihen, engagiert sich in Jurys und als Strippenzieherin. Sie holt als Redner Hans Jonas, Henry Kissinger, Joseph Brodsky, Derek Walcott und Peter Brook. Auf dem Höhepunkt der Goldhagen-Debatte kommen zu der von ihr veranstalteten Diskussionsveranstaltung mit dem Autor 2.400 Zuhörer. Unermüdlich vermittelt sie jüdische Autoren einer breiteren Öffentlichkeit, Leon de Winter, David Grossman und Robert Schindel mögen hier für eine Schar stehen, die nach Hunderten zählt.

          Dreimal hat man ihr das Amt des Kulturreferenten in München angetragen, aber stets hat sie mit Blick auf ihr Lebenswerk abgelehnt. Seit zwölf Jahren ist Rachel Salamander auch Herausgeberin der „Literarischen Welt“, der wöchentlichen Literaturbeilage der „Welt“. Den Kulturbetrieb kennt sie zu gut, um sich seinen Mechanismen auszuliefern, perfekt bedienen kann sie dessen Klaviatur ohnehin. Denn Rachel Salamander ist durchsetzungsstark, klug und niemals langweilig. Und einer jener Menschen, die Dummheit gegenüber unduldsam werden.

          Nun hat ihr die Stadt Marbach am Neckar den Schillerpreis zugesprochen - für Zivilcourage und für die Vermittlung von Literatur und Kultur des Judentums. Rachel Salamander habe „im Sinne des Schillerschen Freiheitsgedankens“ als Publizistin und Buchhändlerin Neugierde für das Judentum und dessen Literatur geweckt und dabei „die Fähigkeit gezeigt, bewusst Grenzen und Gräben zu überwinden“, lobt das Preisgericht. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 10.November, dem Geburtstag Schillers, überreicht. Das wird ein guter Tag für die Stadt, den Preis und die Ausgezeichnete.

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